Evangelisch-Lutherische Freikirche

Referate - Tausendjähriges Reich

Biblische Prüfung einer alten Schwärmerei


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Lehrvortrag vor der 81. Synode der Ev.-Luth. Freikirche

in Schönfeld am 31.Mai - 2. Juni 1996

gehalten von Pastor Fritz Horbank

 

 

Gliederung:  

1. Einleitung
2. Beispiele für Chiliasmus innerhalb der rechtgläubigen Kirche
2.1. Aus dem 2. Jahrhundert: Papias und Irenäus
2.2.  Aus dem 19. Jahrhundert: Johann Heinrich Kurtz
3. Biblische Prüfung des Chiliasmus
3.1. Vorbemerkungen
3.2. Die Vorbemerkung zu Abschnitt IV der ES
3.3. These des Abschnitts IV der ES
3.4. Auslegung von Offenbarung 20,1-10
3.5. Prophetenworte, die die Chiliasten zur Unterstützung ihrer Schwärmerei anführen
3.5.1. Zu Jesaja 9,4-6
3.5.2. Zu Jesaja 11,6-9
3.5.3. Zu Jesaja 2,2-4
4. Zusammenfassung

1. Einleitung

Im XVII. Artikel des Augsburgischen Bekenntnisses bekennt unsere Kirche: „Auch wird gelehrt, dass unser Herr Jesus Christus am jüngsten Tage kommen wird, zu richten, und alle Toten auferwecken, den Gläubigen und Auserwählten ewiges Leben und ewige Freude geben, die gottlosen Menschen aber und die Teufel in die Hölle und ewige Strafe verdammen. Derhalben werden die Wiedertäufer verworfen, so lehren, dass die Teufel und verdammten Menschen nicht ewige Pein und Qual haben werden. Item, hier werden verworfen etliche jüdische Lehren, die sich auch jetzund ereignen, dass vor der Auferstehung der Toten eitel Heilige, Fromme ein weltlich Reich haben und alle Gottlosen vertilgen werden.“

Der letzte Abschnitt dieses Artikels richtet sich gegen den Chiliasmus. Dieser Begriff ist aus dem griechischen Wort „chilioi“ gebildet, was „tausend“ bedeutet. Die Chiliasten erwarten vor dem Jüngsten Tag ein tausend Jahre währendes, herrliches Reich Christi auf Erden (lateinisch auch „Millenium“ genannt).

Fast alle Sekten aus allen Zeiten der Kirchengeschichte hängen dem Chiliasmus an. Die Vorstellungen und Phantasien, die sich mit dem tausendjährigen Reich bei den Schwärmern verbunden haben und verbinden, sind so vielfältig, dass es nicht möglich ist, sie alle auch nur aufzuzählen, viel weniger, sie darzustellen. Es ist auch nicht nötig.

Leider hat der Chiliasmus aber auch Anhänger gefunden bei Lehrern der Kirche, die rechtgläubig sein wollten und es weitgehend auch waren, die gekämpft haben für die reine Lehre und gegen Ketzerei. Auch hier ist es unmöglich und unnötig, alle zu nennen und alles darzulegen, was sie behauptet haben. Ich will nur zwei, bzw. drei Beispiele anführen und zwar aus dem 2. Jahrhundert und aus dem 19. Jahrhundert. Im 2. Jahrhundert finden sich zuerst Chiliasten innerhalb der rechtgläubigen Kirche, im 19. Jahrhundert findet der Chiliasmus zahlreiche Anhänger unter Lutheranern.

2. Beispiele für Chiliasmus innerhalb der rechtgläubigen Kirche

2.1. Aus dem 2. Jahrhundert: Papias und Irenäus

Papias war Bischof von Hierapolis in Phrygien. Irenäus, von dem wir dann noch hören werden, erzählt von ihm, dass er ein Schüler des Apostels Johannes und ein Freund des Bischofs und Märtyrers Polykarp von Smyrna gewesen ist (1). Eine sehr alte Vorrede zum Johannesevangelium weiß von Papias zu berichten: “Er schrieb aber das Evangelium richtig auf, wie Johannes diktierte.“ (2)

Dieser Apostelschüler hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Erklärung der Herrenworte“, das leider verlorengegangen ist. Wir besitzen nur noch einige Zitate daraus in Schriften anderer Lehrer der Alten Kirche. Eusebius, von etwa 314 bis 340 Bischof in Caesarea, führt in seiner Kirchengeschichte ein Stück der Einleitung des Werkes des Papias an (3), aus dem deutlich wird, was die Ursache dafür wurde, dass der Apostelschüler auf den Weg des Irrtums kommen konnte. Papias sagt da: “Kam einmal einer zu mir, der mit den Ältesten umgegangen war, so fragte ich ihn sorgfältig nach den Reden der Ältesten: Was Andreas oder was Petrus gesagt hat, oder was Philippus, oder was Thomas oder Jakobus, oder was Johannes oder Matthäus oder ein anderer der Jünger des Herrn; und was Aristion und der Älteste Johannes, die Jünger des Herrn, sagen. Denn ich glaubte nicht so sehr, von dem, was in Büchern steht, Nutzen zu haben, als vielmehr von lebendiger und noch gegenwärtiger Stimme.“

Papias setzte also mündliche Überlieferung neben die Heilige Schrift und schätzte sie sehr hoch. Das wurde ihm zum Verhängnis, denn unkritisch hielt er manches für apostolisch, ja für ein Wort des Herrn, was es ganz gewiss nicht war. So kam er auch zu seinem Chiliasmus. Eusebius sagt von ihm, nachdem er einiges aus seiner Schrift angeführt hat (4): “Noch andere Dinge hat eben dieser Schriftsteller erzählt, die er durch ungeschriebene Überlieferung gehört haben will, nämlich gewisse seltsame Gleichnisse und Lehren des Erlösers und andere noch fabelhaftere Dinge. Dahin gehört, dass er sagte, es werde nach der Auferstehung der Toten ein Zeitraum von tausend Jahren sein, in welchem auf dieser Erde ein leibliches Reich Christi bestehen werde. Ich glaube, dass er diese Meinung aus falsch verstandenen apostolischen Erörterungen hat, da er das, was die Apostel unter Sinnbildern als Geheimnis gesagt hatten, nicht gehörig einsah. Denn er zeigt sich gar sehr unbedeutend in bezug auf den Verstand, wie man aus seinen Schriften abnehmen kann. Indessen ist er die Ursache geworden, dass sehr viele Kirchenlehrer nach ihm, die das Altertum dieses Mannes vorschützten, dieselbe Meinung angenommen haben, wie Irenäus und wer sonst noch dergleichen Meinung geäußert hat.“

Irenäus hat also dem Apostelschüler Papias blind vertraut und ist auf diese Weise - wie mancher andere - ebenfalls Chiliast geworden. Er stammte aus Kleinasien und war ein Schüler des Bischofs und Märtyrers Polykarp von Smyrna. Er nennt selbst auch andere Apostelschüler seine Lehrer (5). Nach einer Lehrtätigkeit in Rom war er im letzten Viertel des 2. Jahrhunderts erst Presbyter, dann Bischof in Lyon. Er gilt als der hervorragendste Kirchenlehrer der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts. Sein Hauptwerk heißt „Prüfung und Widerlegung der fälschlich sogenannten Gnosis“, heute meistens lateinisch kurz „Adversus haereses“, d.h. „Gegen die Ketzer“ genannt. In dieser Schrift erweist er sich als tüchtiger Kämpfer für die Reinheit und Einheit des Glaubens der Kirche gegen alle falschen Lehrer. Gegründet auf die Heilige Schrift widerlegt er geistvoll die Irrlehren seiner Zeit. Aber im letzten Buch dieses Werkes breitet er seinen Chiliasmus aus, ganz so, wie es dann die Chiliasten zu allen Zeiten getan haben: Die Tatsache eines tausendjährigen Reiches steht ihm fest. Mit Hilfe einer großen Zahl Schriftstellen, vor allem alttestamentlicher, die so gedeutet werden, dass sie passen, führt er den Beweis für seine Lehre vom tausendjährigen Reich. Er beruft sich aber ausdrücklich auch auf seine Lehrer und Papias.

Er schreibt (6): “Die genannte Segnung (Jakobs durch Isaak; 1Mose 27, 27 ff) bezieht sich also ohne Widerrede auf die Zeiten des Reiches, wenn herrschen werden die Gerechten nach Auferstehung von den Toten; wenn auch die Schöpfung, erneut und befreit, eine Menge von jeglicher Speise zur Frucht haben wird durch den Tau des Himmels und durch die Fruchtbarkeit der Erde, wie die Ältesten, welche Johannes, den Jünger des Herrn, gesehen haben, erwähnten, von ihm gehört zu haben, wie von jenen Zeiten der Herr lehrte und sprach: ’Es werden Tage kommen, in denen Weinstöcke wachsen werden, jeder mit zehntausend Ästen und an jedem Ast zehntausend Zweige und an einem Zweig zehntausend Ranken und an jeder Ranke zehntausend Trauben und an jeder Traube zehntausend Beeren, und jede Beere wird beim Ausdrücken 25 Metreten (ca. 1000 Liter) Wein geben. Und wenn einer der Heiligen eine von diesen Trauben ergreift, so wird eine andere rufen: Ich bin besser, nimm mich und preise durch mich den Herrn.’ Desgleichen werde auch ein Weizenkorn zehntausend Ähren erzeugen und jede Ähre zehntausend Körner haben und jedes Korn zehn Pfund weißes, reines Mehl; auch die übrigen Baumfrüchte aber und Samen und Kräuter in entsprechender Übereinstimmung hiermit. Und alle Tiere, welche diese von der Erde empfangenen Speisen genießen, würden friedlich und zutraulich gegeneinander sein und alleruntertänigst untertan den Menschen. Dieses aber bezeugt auch Papias, ein Hörer des Johannes und Freund des Polykarp, ein Mann der alten Zeit, schriftlich im vierten seiner Bücher; fünf Bücher nämlich hat er geschrieben. Und er fügte hinzu: ‘Das aber ist glaubhaft den Gläubigen. Und da Judas, der Verräter, nicht glaubte und fragte: Wie werden solche Erzeugnisse von dem Herrn zustande gebracht werden? habe der Herr gesagt: Sehen werden es, die dann kommen werden’.“

Soviel über den Chiliasmus, wie ihn an sich treue Kirchenlehrer im 2. Jahrhundert vertraten. Wir sehen, wohin es führt, wenn nicht allein die Heilige Schrift Grundlage der Lehre und des Glaubens ist, sondern wenn irgendwelche außerbiblische Überlieferungen die Lehre der Kirche beeinflussen. „Gottes Wort soll Artikel des Glaubens stellen und sonst niemand“, sagt unser Bekenntnis in Luthers Schmalkaldischen Artikeln (2. Teil, II. Artikel).

2.2. Aus dem 19. Jahrhundert: Johann Heinrich Kurtz

Dass ich Joh. Heinr. Kurtz als Vertreter des Chiliasmus im 19. Jahrhundert vorstelle, obwohl es zahlreiche damals sehr viel bekanntere Lutheraner gab, die Chiliasten waren, hat vor allem zwei Gründe. Kurtz war Professor an der Universität Dorpat, deren theologische Fakultät damals als Hochburg bekenntnistreuen Luthertums galt, und er hat seinen Chiliasmus in einem Lehrbuch verbreitet, das bis zu seinem Tode im Jahre 1890 siebzehn Auflagen erreichte. Das Buch hat den Titel „Lehrbuch der heiligen Geschichte“ und will „den Freunden der heiligen Schrift ... ein freundlicher und treuer Wegweiser durch das Gebiet der heiligen Geschichte“ sein. Als Leser denkt sich Kurtz gebildete Christen. Auch wünscht er sich, „dass dies Lehrbuch geeignet erfunden werden möge, zur Förderung des Religionsunterrichts in den oberen Klassen der Gymnasien und in andern höheren Lehranstalten, namentlich auch in den Schullehrerseminarien, beizutragen“. Sein Wunsch ging in Erfüllung, und so hat dieses Buch das Gift des Chiliasmus allzu reichlich, wie schon die Zahl der Auflagen des Buches zeigt, ausgerechnet in die Kreise hineingetragen, die nach der Zeit des Rationalismus zum biblischen Glauben und lutherischen Bekenntnis zurückfanden. Waren bei den Lehrern des 2. Jahrhunderts außerbiblische Überlieferungen stark maßgebend für ihren Chiliasmus, so ist es im 19. Jahrhundert ein rein verstandesmäßiges Wunschdenken. Kurtz schreibt (7): „Es kann ... nicht fehlen, dass ... das Christentum noch einmal, ehe das Ende kommt, seine umfassendsten und kräftigsten Segnungen über die ganze Erde und ihre Bewohner ausgieße, und das geschieht im tausendjährigen Reich (Offenb 20).“ In §196 seines Lehrbuchs, der die Überschrift „Das Millenium“ trägt, ist dann zu lesen:

„1) Offenb 20,1-6 - Nach manchen schweren Leiden und Kämpfen ... feiert endlich die Kirche einmal ihren herrlichsten, umfassendsten und anhaltendsten irdischen (8) Triumph. Denn einmal muss es rein und ungehemmt zur Erscheinung kommen, was das Christentum in diesem irdischen Leben vermag; einmal muss es sich offenkundig zeigen, dass alles Streben und Ringen, alle Leiden und Siege der Kirche, die scheinbar ohne Frucht geblieben, doch nicht vergeblich waren. Darum wird der Fürst der Finsternis mit seiner ganzen Macht gebunden und in den Abgrund gestoßen auf tausend Jahre. Damit hört denn aller Einfluss des Satans, alle seine Versuchungen und Verführungen, seine List und Bosheit auf. Die heiligen Blutzeugen der Wahrheit aus allen Jahrhunderten gelangen zur ersten Auferstehung (die vielleicht schon mit Matth 27,52.53 begann), leben und regieren mit Christo 1000 Jahre. Dies Regiment ist zwar kein sichtbares, irdisches und weltliches Regiment, wie der Unverstand (Chiliasmus) (9) häufig gemeint hat, sondern ein unsichtbares, himmlisches, - dennoch hat Himmel und Erde nicht ihre letzte Vollendung erhalten, noch ist der Tod nicht aufgehoben, noch ist das letzte Gericht, das die Bösen ausscheidet von den Frommen, nicht gewesen, - aber die Folgen und Einflüsse dieser unsichtbaren Regierung werden sichtbar, irdisch und weltlich sein. Das Christentum wird zum vollsten äußern Sieg, zur unbedingten Anerkennung vor allen Machthabern und Obrigkeiten, zur herrlichsten Ausbildung in allen Beziehungen und Lagen des Lebens, in der Kunst und Wissenschaft, im Handel und Wandel gelangen, die höchsten wie die niedrigsten Beziehungen des Lebens werden im HErrn gegründet und geheiligt sein (vgl. z.B. Sach 14, 20.21).“

„2) Aber diese Vollendung ist immer noch eine irdische, und darum unvollkommene. Der Böse ist zwar beseitigt, aber das Böse und die Bösen sind noch da; der Kampf zwischen Geist und Fleisch, zwischen den Kindern der Welt und den Kindern des Reiches dauert noch fort; die Heiligen wandeln noch im Glauben und nicht im Schauen als Pilgrime und Fremdlinge auf Erden; die Arbeit im Schweiße des Angesichts hat noch nicht aufgehört, die Kreatur ist noch nicht frei vom Dienst des vergänglichen Wesens, und der Tod fordert noch seinen Zoll. Aber die reichste Fülle des Geistes ist ausgegossen über die Kirche und die Gläubigen; leichter und im Allgemeinen siegreich ist der Kampf des Geistes mit dem Fleisch, und der Kirche mit den noch vorhandenen Feinden des Heils. Mit glänzenden Zügen schildert besonders auch Jesaja diese Zeit des Friedens und des Segens - allerdings in bildlich-prophetischer Anschauung, doch gewiss nicht ohne wesentliche Beziehung des Bildes zum Abgebildeten: Erhöht ist der Glanz der Sonne und des Mondes (Jes 30,26); die empörten Elemente und die wilden Tie­re sind durch die wiedergekräftigte Herrschaft des Menschen über die Natur gebändigt (Jes 11,6-9), und die Macht des Todes ist abgeschwächt, denn ‘es sollen nicht mehr da sein Kinder, die ihre Tage nicht erreichen, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern Knaben von hundert Jahren sollen sterben’ (Jes 65,20).“

Kurtz fügt diesem Paragraphen noch eine Anmerkung hinzu, aus der deutlich wird, dass auch Gedanken an Entwicklungsgesetze bei seinem Chiliasmus eine Rolle spielen. Es heißt da: “Die Bedeutung des Milleniums ist eine doppelte: in Beziehung auf die zurückgelegte Entwicklung ist es der Concentrations- und Sammelpunkt alles Segens, den das Christentum während der verflossenen Jahrtausende still und verborgen, eingehüllt in Niedrigkeit und Knechtsgestalt, verbreitet hat; - in Beziehung auf die noch bevorstehende Entwicklung ist es die Periode des Vorgenusses, der organischen Vorbereitung auf die Zeit der letzten und höchsten Vollendung. Es ist ein Gesetz der Entwicklung, dass jede wesentlich neue Gestaltung, ehe sie zur vollen und bleibenden Erscheinung gelangt, sich vorher in noch vorübergehenden Erscheinungen ankündigt, abspiegelt und Bahn bricht. So die Erscheinung Christi in den Vorbildern des AT, so die Auferstehung und Himmelfahrt des HErrn in der Verklärung auf Tabor, die Geistesausgießung am Pfingstfest in der vorläufigen Mitteilung des Geistes an die Jünger (Joh 20,22) u. dgl. mehr. So bahnt sich auch hier das Zukünftige an, die allgemeine Auferstehung durch die erste Auferstehung, das jüngste Gericht durch das Regiment Christi und seiner Heiligen, die ewige Seligkeit durch tausendjährigen Frieden, die Verklärung des Himmels und der Erde durch kräftigere Blüten des Naturlebens usw.“

Es sind also ganz andere als biblische, vor allem jedoch philosophische Voraussetzungen, die den Chiliasmus von Lutheranern des vorigen Jahrhunderts prägen, auch wenn sie immer wieder Schriftworte anführen, um ihr Gedankensystem zu stützen. Sie beachten zu wenig den Grundsatz: „Die Heilige Schrift ist ihr eigener Ausleger.“ Weniger deutliche Stellen der Schrift erhalten Licht von den deutlichen und nicht umgekehrt. Sektierer, Schwärmer und eben auch die Chiliasten missbrauchen gern weniger deutliche Schriftworte (besonders aus der Offenbarung des Johannes), um damit klare Aussagen der Heiligen Schrift umzudeuten.

3. Biblische Prüfung des Chiliasmus

3.1. Vorbemerkung

Auch in der Ev.-Luth. Kirche in Preußen - später Ev.-Luth. (altluth.) Kirche - hat es offensichtlich bis 1945 Anhänger des Chiliasmus gegeben. Die „Einigungssätze zwischen der Evangelisch-Lutherischen Kirche Altpreußens und der Evangelisch-Lutherischen Freikirche“, die vor genau 50 Jahren erarbeitet wurden und in denen nur die Differenzpunkte zwischen beiden Kirchen behoben wurden, haben jedenfalls auch einen Abschnitt „Von den letzten Dingen“ (IV), in dem das Problem des Chiliasmus eine wichtige Rolle spielt. In diesen „Einigungssätzen“ (künftig: ES) hat der Chiliasmus eine sehr gründliche biblische Prüfung erfahren. Die ES sind aber auch nach wie vor ein offizielles Dokument unserer Kirche. Darum soll unsere biblische Prüfung des Chiliasmus auf der Grundlage der entsprechenden Aussagen des Abschnitts IV der ES (Von den letzten Dingen) geschehen. Zuerst werde ich die grundsätzlichen Aussagen der ES zu den „letzten Dingen“ und die dazugehörigen Schriftworte einfach zitieren. Sie bedürfen keines Kommentars. Die Aussagen über den Chiliasmus haben zwar auch keinen Kommentar nötig, aber ich will den Schriftworten - insbesondere den von den Chiliasten missdeuteten - soweit nötig eine Auslegung hinzufügen. Dabei lasse ich die alten Lehrer der lutherischen Kirche zu Worte kommen. Sie sagen es besser und treffender, als ich es könnte.

3.2. Die Vorbemerkung zu Abschnitt IV der ES

„Im 17. Artikel der Augsburgischen Konfession, der von der Wiederkunft CHristi zum Gericht handelt, heißt es: ’Hie werden verworfen etliche jüdische Lehren, die sich auch jetzund eräugen (vor Augen treten)’.

Hier wird ganz deutlich, worum es geht und mit welcher Art von Lehre über die letzten Dinge oder mit welcher Eschatologie unsere Kirche unverworren bleiben will.

Es handelt sich darum, dass unsere Christenhoffnung nicht verfälscht und unser Ziel nicht verrückt werde durch falsche fleischliche Vorstellungen von dem ewigen Reich unseres HErrn JEsu CHristi, wie sie sich in die Messiaserwartungen der Juden eingeschlichen und darin festgesetzt haben. Es geht also auch hier zuletzt um die geistliche Beschaffenheit des Reiches CHristi im Unterschied zu allen weltlichen Reichen und um das Evangelium, das uns nicht irdisches Glück und Wohlergehen und Ansehen vor der Welt zusagt und bringt, sondern geistliche, himmlische und ewige Güter.“

Dieser Vorbemerkung zu Abschnitt IV der ES werden folgende biblische Belegstellen hinzugefügt:

1. im Hinblick auf die geistliche Beschaffenheit des Reiches Christi im Unterschied zu allen weltlichen Reichen: Gal 4,31: So sind wir nun, liebe Brüder, nicht der Magd Kinder, sondern der Freien (vgl. V. 21-31). 1Petr 2,5: Und auch ihr, als die lebendigen Steine bauet euch zum geistlichen Hause und zum heiligen Priester­tum, zu opfern geistliche Opfer, die Gott angenehm sind, durch JEsum CHristum.

2. zu der Aussage, dass das Evangelium uns nicht irdisches Glück und Wohlergehen und Ansehen vor der Welt zusagt und bringt, sondern geistliche, himmlische und ewige Güter: 1Kor 15,19: Hoffen wir allein in diesem Leben auf CHristum, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. Eph 1,3: Gelobet sei Gott und der Vater unsers HErrn JEsu CHristi, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch CHristum. 1Petr 1,3.4: Gelobet sei Gott und der Vater unsers HErrn JEsu CHristi, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung JEsu CHristi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das behalten wird im Himmel.

3.3. These 1 des Abschnitts IV der ES

„Mit der Augsburgischen Konfession (XVII) bekennen wir, ´dass unser HErr JEsus CHristus am Jüngsten Tage kommen wird, zu richten, und alle Toten auferwecken, den Gläubigen und Auserwählten ewiges Leben und ewige Freude geben, die gottlosen Menschen aber und die Teufel in die Hölle und ewige Strafe verdammen wird’.“

Dieser These werden folgende Erläuterungen angefügt:

a. „Die These schließt in sich die Verwerfung des Chiliasmus, nämlich die Verwerfung der Lehren von einer zweifachen Wiederkunft CHristi und einer doppelten leiblichen Auferstehung sowie der Annahme, dass ‘vor der Auferstehung der Toten eitel Heilige und Fromme ein weltlich Reich haben und alle Gottlosen vertilgen werden’ (Augsb. Konf. XVII §5).“

Darüber wird später ausführlich gesprochen werden.

b. „Die bezeichneten Lehren widersprechen den klaren Stellen der Heiligen Schrift“, nämlich: Matth 24,29.30: Bald aber nach der Trübsal derselben Zeit werden Sonne und Mond den Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden sich bewegen. Und alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes am Himmel. Und alsdann werden Heulen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen kommen des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit.

Matth 24,27: Denn gleichwie der Blitz ausgehet vom Aufgang und scheinet bis zum Niedergang, also wird auch sein die Zukunft des Menschensohnes.

2Tim 4,1: So bezeuge ich nun vor Gott und dem HErrn JEsus CHristus, der da zukünftig ist zu richten die Lebendigen und die Toten mit seiner Erscheinung und mit seinem Reich. Hebr 9,26-28: Nun aber am Ende der Welt ist er einmal erschienen, durch sein eigen Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen ist gesetzt, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, also ist CHristus einmal geopfert, wegzunehmen vieler Sünden. Zum andernmal aber wird er ohne Sünde erscheinen denen, die auf ihn warten, zur Seligkeit. Phil 3,20.21: Unser Wandel (politeuma, heimatliches „Staatswesen“) aber ist im Himmel, von dannen wir auch warten des Heilandes JEsu CHristi, des HErrn, welcher unseren nichtigen Leib verklären wird, das er ähnlich werde seinem verklärten Leibe nach der Wirkung, damit er kann auch alle Dinge ihm (sich) untertänig machen.

Joh 5,28.29: Verwundert euch des nicht, denn es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine Stimme hören, und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Übels getan haben zur Auferstehung des Gerichts.

Joh 6,39.40: Das ist aber der Wille des Vaters, der mich gesandt hat, dass ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat, sondern dass ich’s auferwecke am Jüngsten Tage. Denn das ist der Wille des, der mich gesandt hat, dass, wer den Sohn siehet und glaubt an ihn, habe das ewige Leben; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage.

Joh 18,36: Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden drob kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von dannen.

Luk 17,20.21: Da er aber gefragt ward von den Pharisäern: Wann kommt das Reich Gottes? antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe hie oder da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.

1Joh 3,2: Meine Lieben, wir sind nun Gottes Kinder, und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, dass wir ihm gleich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

1Kor 13,9-12: Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind und hatte kindische Anschläge; da ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindisch war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesichte. Jetzt erkenne ich’s stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleich wie ich erkennet bin.

Kol 3,1-4: Seid ihr nun mit CHristo auferstanden, so suchet, was droben ist, da CHristus ist, sitzend zu der Rechten Gottes. Trachtet nach dem, was droben ist, und nicht nach dem, was auf Erden ist! Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit CHristo in Gott. Wenn aber CHristus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in der Herrlichkeit.

c. “Das Reich CHristi wird bis an das Ende der Tage ein Reich unter dem Kreu­ze sein.“ Dieser Aussage werden folgende biblische Belegstellen hinzugefügt:

Luk 9,22-24: Denn des Menschen Sohn muss noch viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen. Da sprach er zu ihnen allen: Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verlieret um meinetwillen, der wird’s erhalten.

Joh 15,18.19: So euch die Welt hasset, so wisset, dass sie mich vor euch gehasset hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb; dieweil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich habe euch von der Welt erwählet, darum hasset euch die Welt.

Joh 16,33: Solches habe ich mit euch geredet, dass ihr in mir Frieden habet. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Apg 14,22: Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen.

Luk 18,8: Doch wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinest du, dass er auch werde Glauben finden auf Erden?

2Tim 3,1: Das sollst du aber wissen, dass in den letzten Tagen werden greuliche Zeiten kommen.

Matth 24,11-13: Und es werden sich viel falsche Propheten erheben und werden viele verführen. Und dieweil die Ungerechtigkeit wird überhandnehmen, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber beharret bis ans Ende, der wird selig.

Die vielen eben angeführten Schriftworte beweisen eigentlich schon hinreichend, dass ein herrliches tausendjähriges Reich Christi hier auf Erden nicht zu erwarten ist. Das Reich Christi bleibt hier auf Erden bis zum Jüngsten Tag ein Reich unter dem Kreuz. Je näher dem Jüngsten Tag, umso schwerer wird es die Gemeinde Christi haben in dieser Welt. Am Jüngsten Tag aber wird unser HERR wiederkommen, zu richten die Lebendigen und die Toten. Dann wird er die Seinen zu sich versammeln, um ihnen nicht ein tausenjähriges, sondern sein ewiges Reich zu schenken. Da wird sein Freude die Fülle und lieblich Wesen zu seiner Rechten ewiglich.

Dem scheint aber nun das 20. Kapitel der Offenbarung des Johannes zu widersprechen. Dazu sagen die Erläuterungen zu These 1 des Abschnitts IV der ES im letzten Teil:

d. “Die Stelle Offenb 20, auf welche sich die Chiliasten hauptsächlich berufen, ist schon darum, weil sie im Bilde redet, keine selbständige Beweisstelle für die christliche Lehre und darf nicht dazu missbraucht werden, andere, eigentlich redende Schriftstellen, welche von den letzten Dingen und von dem Reiche CHristi handeln, zu verdunkeln, sondern muss nach diesen Stellen unter sorgfältiger Berücksichtigung des Textes und des Zusammenhanges in der Offenbarung selbst erklärt und ausgelegt werden.“

Diesen Dienst soll uns nun ein alter, bewährter Lehrer unserer Kirche tun. 

3.4. Auslegung von Offenbarung 20,1-10

Weil das 20. Kapitel der Offenbarung des Johannes von den Chiliasten als Hauptbeweis für ihre Schwärmerei von einem tausendjährigen Reich missbraucht wird, soll nun eine ausführliche Auslegung des ersten Teils dieses Kapitels folgen. Carl Manthey-Zorn, der ebenso gründliche wie für jedermann verständliche Schriftausleger, sagt dazu: (10) „Ehe wir das soviel missdeutete 20. Kapitel vor uns nehmen, dürfte es gut sein, dass wir uns ... dessen erinnern, was wir bis jetzt (gemeint ist: bis dahin in seiner Auslegung der Offenbarung) in dem die Geschicke der Kirche JEsu CHristi weissagenden heiligen Bilderbuch der Offenbarung St. Johannis gesehen haben. Es ist dies:

Allewege und immer thront inmitten der Gemeinde der Heiligen (die vierundzwanzig Ältesten) Gott der Vater, und sie, die Kirche, gibt Ihm die Ehre und zeugt von Ihm durch das Predigtamt (die vier Tiere). So ist in ihr kräftig der Heilige Geist mit Seinen mancherlei Gaben. Und die Herrschaft in der Kirche ist dem Lamm gegeben, das leitet ihre Geschicke, welche im Buche der Vorsehung Gottes geschrieben sind. Durch viel Trübsal muss die Kirche ins Reich Gottes eingehen. Aber sie wird’s erlangen, sie wird das Ziel, die ewige Herrlichkeit, erlangen. Dafür sorgt und ist gut das Lamm, ihr Erlöser und Schutzherr, der HErr JEsus CHristus, samt dem Vater und dem Heiligen Geiste. Dies wird immer und immer wieder versichert, dies wird durch die mannigfaltigsten Bilder gedeutet. Der Trübsal, durch welche die Kirche ins Reich Gottes eingehen muss, ist viel. Es ist leibliche und geistliche Trübsal. Die leibliche Trübsal ist: Verfolgung durch weltliche Obrigkeit und Tyrannen, Krieg, Teuerung, Sterbensläufe. Die geistliche Trübsal ist: die von falschen Lehrern eingeführte Ketzerei, als Werkgerechtigkeit, Schwarmgeisterei, Vernunftglaube, Lehrwillkür mit ihrem Gefolge des Sektenwesens. Außer diesen leiblichen und geistlichen Trübsalen sind noch drei sonderliche Wehe geweissagt, von welchen die Kirche getroffen werden soll, drei Wehe, in welchen leibliche und geistliche Trübsal zusammenkommt. Als erstes Weh ist die Ketzerei und Verfolgung der Arianer gedeutet, als zweites und größeres der Türkentrug und -mord; und das dritte und größeste Weh ist das römische Papsttum ... .

Das ist es, was uns die Offenbarung St. Johannis bis jetzt (d.h. bis Kapitel 19) gezeigt hat.

Nun, im ersten Teil des 20. Kapitels (Vers 1-10), folgt die Beschreibung eines neuen Gesichtes, das Johannes gehabt, eines neuen Bildes, das er gesehen.

Wir wollen sofort zur Betrachtung dieses Gesichtes und Bildes schreiten. Nur eine Vorbemerkung sei uns noch gestattet. Es ist diese:

Wir werden jetzt wieder eine die Geschichte der Kirche Christi auf Erden betreffende Weissagung sehen. Aber diese Weissagung bringt nicht etwas, was auf das letzte Weh, nämlich auf das römische Antichristentum, zeitlich folgen soll. So etwas kann sie ja gar nicht bringen. Denn ... am Schluss des letzten (d.h. vorhergehenden) Kapitels, und auch sonst reichlich,“ war zu sehen, „dass das letzte Weh bis an den Jüngsten Tag währen soll. Also kann ja hier auf Erden und zeitlicherweise nicht mehr auf dasselbe folgen.“ Auch wurde dargelegt, „dass die Offenbarung bei ihren verschiedenen weissagenden Bildern und Bildergruppen eine solche zeitliche Reihenfolge und Aufeinanderfolge überhaupt nicht im Auge hat. Die Offenbarung greift im Gegenteil fast jedesmal bis ganz auf den Anfang des Erdenweges der Kirche JEsu Christi zurück, verfolgt denselben bis ans Ende, und zeigt nur jedesmal andere Gefahren, die der Kirche auf diesem Erdenwege immer drohen, andere Trübsale, die ihr immer wieder begegnen, andere Feinde, die immer da sind und sie verderben wollen. Aber immer und immer zeigt sie auch Gottes Gnade und Treue, die sie auf dem ganzen Wege, den sie durch diese Welt zu gehen hat, wider alle Gefahren, Trübsale und Feinde beschirmen und sie sicher ans ewige Ziel bringen. So ist es auch mit der Weissagung, die wir jetzt betrachten werden. Auch sie greift bis auf den Anfang des Erdenweges der Kirche JEsu Christi zurück und verfolgt denselben bis ans Ende. Und was sie besonders zeigt und betont, das ist die Gnade und Treue Gottes, welche die Auserwählten auf ihrem gefahrvollen und trübsalsreichen und vom Teufel und seinen Helfershelfern belagerten Wege durch diese Welt dennoch errettet und ans ewige Ziel bringt.

Jetzt nehmen wir den Text vor uns ... Stellen wir uns recht klar vor, welches Bild Johannes hier geschaut und welche Weissagung er empfangen hat. Johannes sah über sich den Himmel, unter sich den höllischen Abgrund. Vom Himmel kam ein Engel, der hatte den Schlüssel zum Abgrund und eine große Kette in seiner Hand. Johannes sah auch den Drachen, die alte Schlange, welche ist der Teufel und Satan. Und diesen überwältigte der vom Himmel kommende Engel und band ihn mit der Kette und warf ihn in den Abgrund auf tausend Jahre, und verschloss den Abgrund und legte ein Siegel auf den Verschluss. Soweit der erste Teil des Bildes.

Was sollte dieser erste Teil des Bildes anzeigen und deuten? Das wurde dem Johannes sofort geoffenbart. Und Johannes schreibt und sagt es uns. Dieser erste Teil des Bildes sollte anzeigen und deuten, dass der Teufel tausend Jahre lang nicht auch noch (11) verführen sollte die Heiden; danach müsste er los werden eine kleine Zeit.

Also dies, eben dies, dass der Teufel tausend Jahre lang nicht auch noch die Heiden verführen sollte, das sollst du die Deutung des ersten Teiles des Bildes sein lassen; nichts anderes, nichts mehr. Du sollst nicht etwa aus dem Bild schließen, dass durch die tausend Jahre der Teufel überhaupt keine Macht mehr auf Erden haben, oder gar nicht mehr auf Erden sein sollte; nein, nur dass er nicht auch noch die Heiden in diesen tausend Jahren verführen sollte, das, nur das, sollst du aus diesem Bilde nehmen. - Was das aber heißt, das wollen wir nachher sagen.

Dann sah Johannes Stühle, Throne. Wo sah Johannes Stühle oder Throne? Offenbar im Himmel. Und sie setzten sich darauf, und ihnen ward gegeben das Gericht. Wer waren die, die Johannes sich auf die Stühle im Himmel setzen sah und denen das Gericht gegeben ward? Johannes sah es gleich deutlich. Es waren die Seelen der Enthaupteten um des Zeugnisses JEsu und um des Wortes Gottes willen, und die Seelen derer, die nicht angebetet hatten das Tier, noch sein Bild, und nicht angenommen hatten sein Malzeichen an ihre Stirn und auf ihre Hand. Also die Seelen der bis an den Tod getreuen Bekenner JEsu Christi zu den Zeiten der großen Christenverfolgungen durch die heidnischen römischen Kaiser und zu den Zeiten der noch größeren Anfechtungen und Verfolgungen durch die römischen Päpste, die Seelen dieser bis an den Tod getreuen Bekenner sah Johannes im Himmel sich auf Throne setzen, und ihnen ward gegeben das Gericht. Zu welcher Zeit sah Johannes im Geist diese Seelen im Himmel auf Throne sich setzen, und dass ihnen das Gericht gegeben ward? Während der tausend Jahre, während welcher der Teufel nicht auch noch verführen sollte die Heiden. So weit der zweite Teil des Bildes.

Was sollte dieser zweite Teil des Bildes anzeigen und deuten? Auch das wurde dem Johannes sofort geoffenbart. Auch das schreibt und sagt er uns. Dieser zweite Teil des Bildes sollte anzeigen und deuten, dass die Seelen der bis an den Tod getreuen Bekenner während der obenerwähnten tausend Jahre mit Christo leben und regieren sollten.

Also dies, eben dies, dass während der tausend Jahre, da der Teufel die Heiden nicht auch noch verführen sollte, dass da die Seelen der bis an den Tod getreuen Bekenner mit Christo leben und regieren sollten, das sollst du die Deutung des zweiten Teiles des Bildes sein lassen; nichts anderes, nichts mehr. - Was das aber heißt, auch das wollen wir nachher sagen.

Zu diesem zweiten Teil des Bildes fügt Johannes noch hinzu, dass er im Geist gesehen habe, dass die anderen Toten, also die Seelen derer, die während ihres Erdenlebens Götzendiener und Papstknechte gewesen, dass die nicht lebendig geworden seien und nicht mit Christo gelebt haben die tausend Jahre. Jenes mit Christo Leben und Regieren der Seelen der bis an den Tod getreuen Bekenner aber nennt Johannes durch den Heiligen Geist ‘die erste Auferstehung’ - im Gegensatz zu der noch folgenden Auferstehung auch ihres Fleisches. Und er schreibt: ,Selig ist der und heilig, der teil hat an der ersten Auferstehung; über solche hat der andere Tod (die ewige Verdammnis) keine Macht; sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein, und mit Ihm regieren tausend Jahr.’ Dann schaute und weissagte Johannes, dass, wenn die tausend Jahr vollendet sein würden, der Satan aus seinem Gefängnis los werden und ausgehen würde, zu verführen die Heiden an den vier Örtern der Erde, den Gog und Magog, sie zu versammeln in einen Streit, und dass sie zahllos sein würden wie der Sand am Meer. Und vor den Geistesaugen des entzückten Sehers spielte sich dieser ganze Streit von Anfang bis zu Ende ab. Und was er so im Geist schaute, das beschreibt er also: ,Und sie traten auf die Breite der Erde, und umringeten das Heerlager der Heiligen und die geliebte Stadt. Und es fiel das Feuer von Gott aus dem Himmel, und verzehrete sie. Und der Teufel, der sie verführete, ward geworfen in den feurigen Pfuhl und Schwefel, da das Tier und der falsche Prophet war; und werden gequälet werden Tag und Nacht, von Ewigkeit zu Ewigkeit.’ Das ist der dritte und letzte Teil des Bildes.

Wir müssen hier vor allem drei Fragen beantworten. Die erste Frage ist: Warum werden die zahllosen Heiden, die, nach der Weissagung, der Teufel am Ende der tausend Jahre verführen und in den Streit versammeln sollte, ‘Gog und Magog’ genannt? - Die Antwort ist: Weil im 38. und 39. Kapitel der Weissagungen des heiligen Propheten Hesekiel die Feinde des Volkes Gottes also genannt sind. Eine weitere Erklärung zu geben sind wir nicht imstande. (12)

Die zweite Frage ist: Was ist ‘das Heerlager der Heiligen und die geliebte Stadt’? - Die Antwort ist: das ist die Kirche JEsu Christi auf Erden, die Gemeinde der Heiligen, die Schar der gläubigen Bekenner Seines Wortes, welche nach der Weissagung von dem losgewordenen Teufel und den von ihm verführten Heiden so heftig bestritten werden sollte. Und die dritte Frage ist: Was ist ‘das Feuer von Gott aus dem Himmel’, das auf die die Kirche Christi bestreitenden Heidenscharen fallen soll? Und was ist ‘der feurige Pfuhl und Schwefel’? - Die Antwort ist: Das ist die endliche und ewige Verdammnis, welche mit dem Gericht des Jüngsten Tages über den Satan und seinen von ihm verführten Anhang kommen wird.

Was sollte nun dieser dritte Teil des Bildes anzeigen und deuten? Das ist ja klar. Dieser dritte Teil des Bildes sollte anzeigen und deuten, dass am Ende der tausend Jahre der Teufel los werden und die zahllosen Heiden und Ungläubigen aller Welt verführen und sie zum Streit wider die Kirche JEsu Christi versammeln sollte, dass aber solchem Streite durch den Jüngsten Tag und die ewige Verdammnis ein jähes Ende gemacht werden würde.

Also dies, eben dies, dass dem nach Gottes Zulassung geschehenden letzten Ansturm des Teufels und der ungläubigen Scharen auf die Kirche Christi der Jüngste Tag und die Verdammnis ein Ende machen wird, das sollst du die Deutung des dritten Teiles des Bildes sein lassen; nichts anderes, nichts mehr. - Hierzu ist ja keine weitere Erklärung nötig. Wir fassen noch einmal kurz zusammen, was das ganze weissagende Bild zeigt und deutet. Es ist dies:

Der Teufel soll tausend Jahre lang nicht auch noch verführen die Heiden. Die Seelen der bis an den Tod getreuen Bekenner sollen während dieser tausend Jahre mit Christo leben und regieren. Am Ende dieser tausend Jahre soll der Teufel los werden und die zahllosen Heiden und Ungläubigen aller Welt verführen und sie zum Streit wider die Kirche Christi versammeln; aber solchem Streite soll durch den Jüngsten Tag und die ewige Verdammnis ein jähes Ende gemacht werden. Und nun - was heißt das alles?

Was heißt zunächst, dass der Teufel die Heiden nicht verführen sollte tausend Jahre lang? Wozu sollte der Teufel die Heiden nicht verführen? - Das erkennen wir klar aus dem achten Verse unseres Kapitels. Da nämlich wird geweissagt, nicht nur dass der Teufel, wenn er wieder los werden würde aus seinem Gefängnis, die Heiden alsdann verführen würde, sondern auch wozu er sie verführen würde, nämlich sich an allen Enden zu versammeln zum Streit wider die Kirche Christi. Also dazu, sich an allen Enden zu versammeln zum Streit wider die Kirche Christi, dazu sollte der Teufel die Heiden nicht verführen dürfen tausend Jahre lang; Gott wollte ihn gleichsam binden und verschließen lassen, dass er das nicht tun könnte tausend Jahre lang.

Was ist es mit diesen tausend Jahren? Sind damit genau tausend Erdenjahre gemeint, nicht mehr und nicht weniger? Schwerlich. Die Zahlen in der Offenbarung St. Johannis sind symbolische, das heißt, bildliche Zahlen. Die ganze Offenbarung St. Johannis redet ja in lauter Bildern. Wir glauben nicht, dass man die tausend Jahre so genau aus- und nachrechnen soll. Wir achten, dass hier mit den tausend Jahren eine lange Zeit gemeint ist. Eine lange Zeit also, viele, viele Jahre, sollte der Teufel die Heiden nicht verführen dürfen, sich an allen Enden zu versammeln in den Streit wider die Kirche Christi. Das ist hier geweissagt.

Was heißt es aber, dass der Teufel die Heiden nicht verführen sollte, und dass er sie nicht auch noch verführen sollt? Mit den Heiden sind die Völker und die Massen gemeint, die außerhalb der christlichen Kirche stehen, die Welt, die Kinder des Unglaubens. Die sind der Kirche Christi von Natur feind. Und es muss ja dem Teufel, dem Tausendkünstler, der ihr Fürst und Herr ist, ein leichtes sein, sie zu verführen, dass sie sich an allen Enden versammeln zum Streit wider die Kirche Christi. Nun ist hier geweissagt, dass der Teufel das durch eine lange Zeit nicht tun sollte, dass ihm das durch ‘tausend Jahre’ von Gott gewehrt werden würde. Die Kirche Christi hat auf ihrem Erdenwege ja schon allewege Kreuz und Trübsal genug. Wir haben das sowohl aus der Weissagung als auch aus der Geschichte und Erfüllung reichlich gesehen. Aber durch ‘tausend Jahre’ sollte nicht auch noch das über sie kommen, dass durch Verführung des Teufels an allen Enden die Heiden und Ungläubigen zu einem großen und allgemeinen Streit sich wieder sie versammeln würden. Von dieser Seite her sollte die Kirche eine lange Zeit Ruhe und Frieden haben. Das ist es, was geweissagt ist.

Was heißt es ferner, dass die Seelen der bis an den Tod getreuen Bekenner während dieser tausend Jahre mit Christo leben und regieren? Wir haben eben die Weissagung vernommen, dass über die viel angefochtene Kirche tausend Jahre lang nicht auch noch das kommen sollte, dass durch Verführung des Satans die Heiden sich wider sie versammeln würden, sondern dass sie von dieser Seite her eine lange Zeit Ruhe und Frieden haben sollte. Und das ist klärlich eine Gnade Gottes. - Aber wir fragen: Wie ist es mit denen, die um ihres Glaubens und Bekenntnisses willen verfolgt und hingemordet sind teils von den heidnischen römischen Kaisern und teils von den ‘christlichen’ römischen Päpsten, weil sie diesen nicht wider Christum gehorsam sein und deren Malzeichen nicht an ihre Stirn und Hand nehmen wollten? Die haben doch wenig Ruhe und Frieden auf Erden gehabt. Kommen die nicht zu kurz?

Nein, die kommen nicht zu kurz. Die Weissagung richtet unseren Blick himmelwärts. Und im Himmel zeigt sie uns Throne. Und wir sehen, dass sich auf diese Throne setzen die Seelen der Enthaupteten um des Zeugnisses JEsu und um des Wortes Gottes willen, und die nicht angebetet hatten das Tier, noch sein Bild, und nicht genommen hatten sein Malzeichen an ihre Stirn und an ihre Hand. Und diesen wird gegeben das Gericht. Sie, die auf Erden vor den Richterstühlen der Feinde Christi gestanden hatten und um seines Namens willen unschuldig verdammt worden waren, sie sollen hinwiederum am Jüngsten Gericht mit Christo sitzen auf Stühlen und richten über Seine und ihre Feinde (Matth 19,28; Weish 3,8). Und jetzt schon, während die tausend Jahre auf Erden gehen, sollen sie zu Gott schreien und von ihm fordern das gerechte Gericht (Kap. 6,10), das auch gewisslich nicht außen bleiben wird. Und sie leben und regieren mit Christo die tausend Jahre. Christus lebt und regiert. Und sie sind in Seiner nächsten Nähe und in Seiner innigsten Gemeinschaft, und nehmen teil an allem, was Christus hat und tut. Christus lebt in Herrlichkeit; sie auch. Alles Böse liegt unter Christi Füßen; unter den ihren auch. Christus sitzt alles regierend zur Rechten des Vaters; sie sind seines Thrones Genossen. Sie sind Könige, selige Könige. Und ihr Leben und Regieren und ihre Seligkeit und ihr Königtum wird mit den tausend Jahren nicht aufhören, sondern sich weit, weit über tausend Jahre hinaus bis in die ewigen Ewigkeiten erstrecken.

Kommen diese nun zu kurz? Während die Kirche auf Erden durch tausend Jahre zwar von den Heiden etlichermaßen Ruhe und Frieden hat, sonst aber Anfechtung und Trübsal genug, haben diese die edle Himmelsruhe und den seligen Himmelsfrieden. Auf Erden saßen sie zwar in Spott und Hohn; hier aber sitzen sie auf Thronen. Auf Erden wurden sie freilich ungerecht und blutig verdammt und gerichtet; hier aber wird ihnen das Gericht gegeben. Auf Erden mussten sie um Christi willen Verfolgung und den Tod erleiden, das ist wahr; hier aber leben und regieren sie mit Christo ewiglich. Fürwahr, sie kommen nicht zu kurz. - Das ist es, was hier geweissagt ist. Was heißt es nun endlich, dass am Ende der tausend Jahre der Teufel los werden und die zahllosen Heiden und Ungläubigen aller Welt verführen und sie zum Streit versammeln sollte wider die Kirche Christi? Und dass solchem Streite durch den Jüngsten Tag und die Verdammnis ein jähes Ende gemacht werden soll? - Wie schon gesagt, hierzu ist eigentlich keine weitere Erklärung nötig. Diese Weissagung ist klar an ihr selbst. Es lag von Ewigkeit in Gottes Rat und Plan und wird in der Zeit geweissagt, dass nach Vollendung der ‘tausend Jahre’, während welcher die Kirche von seiten der Heiden und der Ungläubigen eine verhältnismäßige Ruhe haben sollte, dass dann der Teufel los werden und das tun dürfen sollte, was ihm während der tausend Jahre gewehrt sein würde. Die Weissagung geht also dahin, dass nach Vollendung der tausend Jahre der Teufel ausgehen würde, zu verführen die zahllosen Heiden und Ungläubigen an allen Orten und Enden der Welt und sie zu versammeln in einen großen und allgemeinen Streit wider die Kirche Gottes.

Welcher Art ihr Streiten sein sollte, das ist hier nicht gesagt. Aber wir wissen ja zur Genüge, welcher Art das vom Teufel erregte Streiten der Heiden und Ungläubigen wider die Kirche Christi allzeit ist. Sie streiten mit fleischlichen und irdischen und teuflischen Waffen. Sie streiten mit ‘groß Macht und viel List’. Sie heucheln und schmeicheln und verheißen und locken; und sie verachten und verspotten und bedrohen und bedrücken. Sie kommen mit dem feinen Gift einer widerchristlichen Philosophie und einer widergöttlichen Scheinwissenschaft, die Sinne der Christen zu verwirren und sie abzuziehen von Christo und Seinem Worte; und sie kommen mit der rohen Gewalt des Bedrängens und des Verfolgens und des Mordens. Was Hölle und Welt, was Hass und Arglist nur ersinnen kann, das wird gebraucht im Streite der Ungläubigen wider die Kirche. Und die Weissagung zeigt uns, dass dieser nach Vollendung der tausend Jahre geschehende Streit sein würde ein großer und allgemeiner Streit der ganzen ungläubigen Welt wider die kleine Herde Christi der letzten Tage. Von Einem Geiste entflammt, von Einem Führer geleitet, in geschlossenen Reihen, die ganze Breite der Erde einnehmend, zahllos wie der Sand am Meer, so sollten nach der Weissagung in der letzten Zeit die Heere der Heiden und der Ungläubigen anstürmen auf die arme und elende Kirche JEsu Christi. Erinnere dich nur der Weissagung. Sie lautet, dass der Satanas ‘wird ausgehen, zu verführen die Heiden in den vier Örtern der Erde, den Gog und Magog, sie zu versammeln in einen Streit, welcher Zahl ist wie der Sand am Meer. Und sie traten auf die Breite der Erde, und umringten das Heerlager und die geliebte Stadt’. - Entsetzlich! - Aber doch, entsetze dich nicht. Denn was sagt die Weissagung ferner? ‘Und es fiel das Feuer von Gott aus dem Himmel und verzehrete sie.’ Das ist, wie wir schon wissen, das Feuer des Jüngsten Tages. Das wird zur rechten Zeit dem Streiten und Stürmen der Welt wider die Kirche ein jähes Ende machen. Das wird auch allem und jedem Wüten des Teufels gar ein Ende machen. Denn dann wird der Teufel geworfen nicht etwa nur in ein zeitweiliges Gefängnis, sondern in die ewige Hölle. Dahin wird auch, wie uns früher gesagt ist und hier ausdrücklich wiederholt wird, des letzten großen Wehes Mittlerin, nämlich die hurerische und verstockte römische Papstkirche mit ihren falschen Propheten, dann geworfen werden.

Ja, und dann wird alles, alles Böse auf ewig aus unserem Wege getan werden. Hiervon hatte Johannes ein weiteres Gesicht, das er am Schlusse unseres Kapitels ... beschreibt...

Und nun fragen wir nach der Erfüllung der Weissagung. Natürlich meinen wir jetzt nur diejenige Weissagung, welche sich auf diese Erdenzeit bezieht und welche im ersten Teil unseres Kapitels enthalten ist. Was wir erkennen wollen, ist dies: Die ‘tausend Jahre’, während welcher der Teufel nicht auch noch verführen und in einen großen und allgemeinen Streit versammeln sollte die Heiden, und während welcher die Seelen der bis an den Tod getreuen Bekenner mit Christo leben und regieren sollten, - wo sind diese tausend Jahre zu suchen? In der Vergangenheit? Oder in der Gegenwart? Oder in der Zukunft? Und hiermit hängt genau die andere Frage zusammen: der vom Teufel endlich erregte große und allgemeine letzte Streit der Welt wider die Kirche Gottes - ist dieser Streit jetzt schon im Gange, oder ist er erst noch zu erwarten? - Bitte ... stelle dir recht klar vor, was es ist, das jetzt in Frage steht.

Wir fragen zuerst, ob die ‘tausend Jahre’ in der Vergangenheit oder in der Gegenwart oder in der Zukunft zu suchen sind. Mit anderen Worten: Wir fragen, ob die ‘tausend Jahre’ schon dagewesen sind, oder ob sie jetzt da sind, oder ob sie noch zu erwarten sind.

Wir antworten: Die ‘tausend Jahre’, während welcher der Teufel nicht auch noch verführen und in einen großen und allgemeinen Streit wider die Kirche Gottes versammeln sollte die Heiden, und während welcher die Seelen der bis an den Tod getreuen Bekenner mit Christo leben und regieren sollten, diese tausend Jahre sind schon dagewesen und also in der Vergangenheit zu suchen.

Suchen wir sie, und blicken wir zu solchem Behufe (Zweck) in die Geschichte der Welt und der Kirche. Aber indem wir das tun, dürfen wir keinen Augenblick vergessen, sondern müssen uns immer ganz klar bewusst bleiben, welcher Art die ‘tausend Jahre’ sind, auf welche die Weissagung deutet und weiset und welche wir in der Geschichte finden wollen. Die Weissagung deutet nicht auf eine Zeit großer und allgemeiner Glückseligkeit der Kirche Gottes auf Erden. Mit keinem Hauche tut sie das. Eine solche Zeit sollen wir also nicht suchen. Wir würden sie auch nicht finden. Eine solche Zeit hat es nie gegeben. Eine solche Zeit wird es nie geben. Eine solche Zeit soll es auch nicht geben auf Erden. Das Reich Gottes auf Erden ist immer und allezeit ein Kreuzreich, bis der liebe Jüngste Tag kommt. Das lehrt uns die Schrift durchaus. Das lehrt uns auch gerade die Offenbarung St. Johannis auf das klarste und deutlichste und reichlichste. Sie zeigt uns, dass die Kirche Christi von Anfang an bis an das Ende der Tage dahingehen muss unter leiblichen und geistlichen Trübsalen und unter großen und sonderlichen Wehen. Unsere Weissagung, deren Erfüllung wir jetzt in der Geschichte suchen wollen, deutet und weiset nur auf eine Zeit, da der Teufel nicht auch noch einen großen und allgemeinen und sonderlichen Streit der Ungläubigen wider die Kirche Christi erregen dürfe. Nur eine solche, eine so geartete Zeit also sollen wir in der Geschichte suchen.

Und eine solche Zeit können wir leicht finden. Eine solche Zeit ist in der Geschichte der Welt und der Kirche deutlich zu erkennen. Schaue her. In den ersten Jahrhunderten ihre Bestehens breitete sich die christliche Kirche rasch aus über alle Länder des Morgen- und Abendlandes. Sie breitete sich aus mitten in dem allgemein herrschenden Heidentum, von welchem sie übel angesehen, gedrückt und verfolgt wurde. Mitten in diesem Heidentum erwuchs sie als eine Pflanze Gottes, die man jedoch für Unkraut, für wucherndes Unkraut ansah und ausraufen zu müssen glaubte. So verführte und verblendete der Teufel die Herzen der Heiden. Aber dies wurde bald anders. Als um das Jahr 325 der römische Kaiser Konstantin der Große ‘Schutzherr der christlichen Kirche’ wurde, wie die Weltgeschichte ihn nennt, da begann die Zeit, in welcher das Christentum über das Heidentum auch weltlicherweise siegte. Das Christentum gewann Ansehen in der Welt und breitete sich mit großer Schnelligkeit aus, weiter und weiter aus. Es verdrängte das Heidentum. Wo immer der Sitz der Zivilisation war und wo immer der Sitz der Macht war, da herrschte das Christentum. Ganz Europa wurde christianisiert. Das Christentum wurde weltmächtig. Bald schon stand die Sache so, dass die Christen eher die Heiden bedrücken und verfolgen konnten, als umgekehrt die Heiden die Christen. Der Teufel war nach dieser Seite hin gebunden, verschlossen. Innerhalb der Christenheit erregte er Streit und Jammer genug... Aber die Heiden und Ungläubigen konnte er nicht mehr und nicht auch noch in einen großen und allgemeinen Streit wider die christliche Kirche versammeln. Das war ihm unmöglich. Die Christen hatten die Oberhand. Jedermann wollte ein Christ heißen und sein, er mochte sonst denken und leben wie er wollte. - So stand es unter den herrschenden Nationen in der Zeit des sogenannten Mittelalters und zum Teil noch weit über diese Zeit hinaus. Da also liegen die ‘tausend Jahre’ unserer Weissagung. Da ist erfüllt, was Johannes im Gesicht gesehen und wovon er also schreibt: ’Und ich sahe einen Engel vom Himmel fahren, der hatte den Schlüssel zum Abgrund, und eine große Kette in seiner Hand; und ergriff den Drachen, die alte Schlange, welche ist der Teufel und der Satanas; und band ihn tausend Jahr, und warf ihn in den Abgrund, und verschloss ihn und versiegelte oben darauf, dass er nicht verführen sollte die Heiden, bis dass vollendet würden tausend Jahr.’ (13) Und die Seelen der Enthaupteten um des Zeugnisses JEsu und um des Wortes Gottes willen (zur Zeit der römischen Kaiser), und die nicht angebetet hatten das Tier (das Papstreich), noch sein Bild, und nicht genommen hatten sein Malzeichen an ihre Stirn und auf ihre Hand, die also um ihrer Treue willen und wegen ihres wahrhaftigen Christentums keine Ruhe und kein Gutes gehabt hatten auf Erden, denen daher die ‘tausend Jahre’ auf Erden nicht zugute gekommen waren, - diese kamen doch nicht zu kurz, sondern diese lebten und regierten mit Christo im Himmel die ‘tausend Jahre’, wie Johannes im Bilde geschaut, und werden mit Christo leben und regieren fürder und immer und ewiglich. Dies hatten und haben die anderen Toten, die nicht Glauben, wahrhaftigen Glauben, gehalten hatten, nicht; sondern die hatten nur die kurze und eitle Ruhe und Ehre, welche die christliche Kirche während der ‘tausend Jahre’ auf Erden genoss. Dies aber, was jene Seelen hatten und haben, nennt die Weissagung ‘die erste Auferstehung’. Und wahrhaftig, selig ist und heilig, der teil hat an der ersten Auferstehung; über solche hat der andere Tod keine Macht; sondern solche waren Priester Gottes und Christi und regierten mit Ihm die ‘tausend Jahre’, und sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit Ihm regieren immer und ewiglich.

Aber die Weissagung sagt ferner: ’Danach’, nach Verlauf der eben gefundenen Zeit, ’muss er (der Teufel) los werden eine kleine Zeit.’ ‘Und wenn tausend Jahre vollendet sind, wird der Satanas los werden aus seinem Gefängnis, und wird ausgehen, zu verführen die Heiden in den vier Örtern der Erde, den Gog und Magog, sie zu versammeln in einen Streit, welcher Zahl ist wie der Sand am Meer.’ Und Johannes schaute im Bilde, dass die Heiden ‘traten auf die Breite der Erde, und umringten das Heerlager der Heiligen und die geliebte Stadt’.

Und wir fragen nun: Sind die ‘tausend Jahre’ wirklich schon verflossen? Ist die Zeit des vom Teufel erregten letzten, großen und allgemeinen Streites der Heiden und Ungläubigen wider die christliche Kirche schon gekommen? Oder sind die ‘tausend Jahre’ vielleicht doch noch im Lauf? Und haben wir diesen letzten großen Streit noch zu erwarten?

Wir antworten: Die ‘tausend Jahre’ der Weissagung sind verflossen; der letzte große und allgemeine Streit der Welt wider die Kirche Christi ist jetzt da.“

Zorn zeigt nun ausführlich auf, wie sich durch den Islam diese Weissagung im Morgenland erfüllte, im Abendland aber durch die ungläubigen und entchristlichten Massen. Er kommt dann zu dem Schluss:

„Die Türken im Morgenlande, die ungläubigen und entchristlichten Massen im Abendlande - das ist der Gog und Magog der Weissagung. Die führt der Teufel in den Streit, in den letzten großen und allgemeinen Streit wider die Kirche JEsu Christi. Dieser Streit ist anjetzo im Gange. Ob er noch ärger, noch grauser, noch wütiger wird, als er jetzt schon ist, das steht bei dem HErrn. Zu arg, zu grausig, zu wütig wird der HErr ihn nicht werden lassen. Zur rechten Zeit wird der HErr das Feuer vom Himmel fallen lassen, und dies Feuer wird den Gog und Magog ver­zehren. Und der Teufel, der sie verführt, wird geworfen in den feurigen Pfuhl und Schwefel, da auch das Tier und der falsche Prophet sein wird; da werden alle Feinde des HErrn und seiner Kirche gequält werden Tag und Nacht, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Solches wird ausrichten unser hochgelobter HErr und Heiland JEsus Christus bei Seiner letzten Erscheinung. Das ist dann das Ende alles, alles Bösen, das seine Kirche bestreitet. Dann kommt für die Kirche die ewige und selige Vollendung.

Lieber Christ! Das Los ist uns gefallen, in der letzten Zeit der Welt zu leben. Die Welt ist ihrem Untergang nahe, ganz nahe. Sie liegt, sozusagen, in den letzten Zügen. Wir können, wir sollen, wir müssen das erkennen. Sprechen wir nicht des Abends: ’Es wird ein schöner Tag werden, denn der Himmel ist rot’? Und sprechen wir nicht des Morgens: ’Es wird heute Ungewitter sein, denn der Him­mel ist rot und trübe’? Des Himmels Gestalt also können wir urteilen; können und sollen und müssen wir denn nicht auch die Zeichen dieser Zeit urteilen? In der Offenbarung St. Johannis hat uns Gott die Geschichte der christlichen Kirche auf Erden von ihrem ersten Anfang bis zu ihrer seligen Vollendung im Himmel in weissagenden Bildern vor Augen gestellt. Diese weissagenden Bil­der stimmen genau mit allem von Christo und seinen Aposteln ausdrücklich Ge­weissagten. Und wir sehen klar und deutlich, dass alles schon geschehen ist, was nach solchen Weissagungen hier auf Erden vor dem Jüngsten Tag geschehen sollte. Wir sehen, dass die wahre Kirche JEsu Christi allezeit zu leiden gehabt hat von leiblichen Trübsalen: von Verfolgung durch weltliche Obrigkeit und Tyrannen, von Krieg, Teurung und Sterbensläufen. Wir sehen, dass die wahre Kirche JEsu Christi allezeit zu leiden gehabt hat auch von geistlichen Trübsalen, welche ihr widerfahren sind durch die von falschen Lehrern eingeführten Ketzereien, als da sind Werkgerechtigkeit, Schwarmgeisterei, Vernunftglaube, Lehrwillkür mit ihrem Gefolge des Sektenwesens. Wir sehen, dass über die wahre Kirche JEsu Christi gekommen sind die drei sonderlichen großen Wehe, in welchen leibliche und geistliche Trübsal vereint ist, nämlich das Arianerweh, das Mohammedanerweh und das Papstweh.

Und was insonderheit das letzte und größte Weh anlangt, nämlich das vom Teufel gestiftete römische Papst- oder Antichristentum, von welchem die Offenbarung St. Johannis in 10 Kapiteln (10-19) weissagt, so sehen wir, dass auch davon alle sich auf diese Erde beziehenden Weissagungen erfüllt sind. Das römische Papst­tum hat sich erstlich schon frühe erhoben, hat sich in geistliches und christliches Gewand gekleidet, hat aber widerchristliche Lehren geführt und ein neues Heidentum aufgerichtet, hat weltliche Macht erlangt also, dass es, nur in anderer Gestalt, eine Fortsetzung des alten christusfeindlichen römischen Weltreiches ge­worden ist, hat lange Jahrhunderte bleischwer auf der Kirche gelegen, hat das Blut der wahren Zeugen Christi in Strömen vergossen, ist durch die Reformation geistlich gefallen, hat durch dieselbe viel auch von seiner weltlichen Macht verloren, Gottes Gerichte sind über dasselbe gegangen und gehen jetzt noch über dasselbe, aber es hat sich wütig gewehrt und wehrt sich jetzt noch wütig und teufelsmächtig, aber sein Streiten und Toben geschieht zu ‘Harmageddon’ (14), und der Jüngste Tag - doch nur der - wird ihm den Garaus machen. Wir sehen endlich, dass die geweissagten ‘tausend Jahre’ schon verflossen sind, da der Teufel nicht auch noch die Heiden, nämlich die offen Ungläubigen, verführen und versammeln durfte in einen großen und allgemeinen Streit wider die Kirche JEsu Christi. Und wir sehen, dass anjetzo die ‘kleine Zeit’ da ist, da der Teufel losgelassen und losgeworden ist und da er auf der ganzen Breite der Erde den Gog und Magog verführt und versammelt in den letzten großen und allgemeinen Streit wider die Kirche JEsu Christi. Ja, diese ‘kleine Zeit’ ist jetzt da. Der große Streit ist entbrannt. Die ungläubige Welt hat die Oberhand. Das Heerlager der Heiligen und die geliebte Stadt ist von dem Millionenheer der offen Ungläubigen umringt und eng eingeschlossen. Und in das Heerlager der Heiligen und in die geliebte Stadt haben sich Sekten und falsche Brüder eingeschlichen. Wehe! Und der Papst gebärdet sich noch als der Stellvertreter Christi, und unendlich viele lassen sich immer noch von ihm verführen. Wehe! Und weite öde Heidenländer sind sonst noch auf der Erde; und die Mission, die man jetzt mit einigem Eifer treibt, die hat, mit der der ‘tausend Jahre’ verglichen, nur geringe und einzelne Erfolge. Und die ‘kleine Zeit’ will uns lange dünken, wie denn Gottes Rechnung nicht nach unserem Kalender geht. Wehe! Wehe! - Aber der Richter ist vor der Tür. Er wird im rechten Augenblick eintreten. Er kennet Seine Zeit. Das Feuer, mit welchem Er Seine Widerwärtigen und Feinde verzehren wird, ist schon bereitet. Die Erlösung naht. O, lasst uns aufsehen und unsere Häupter aufheben! Unsere Erlösung naht! Wir leben in der letzten Zeit.“

Zorn gibt dann noch eine ausführliche Darstellung der Irrtümer des Chiliasmus und sagt zum Schluss seiner Auslegung des 20. Kapitels der Offenbarung des Johannes: „Lass du, lieber Christ, dich nicht irren und berücken. Sieh das 20. Kapitel der Offenbarung St. Johannis ganz einfältig und nüchtern an. So wirst du gewiss werden, dass nur das in demselben gesagt ist, was wir dir bei unserer Auslegung desselben vorgetragen haben. Und vor allem wisse dies: Die Schwärmerei der Chiliasten von dem tausendjährigen Reich ist eine schriftwidrige. Denn die Schrift lehrt allüberall, dass Christus nur einmal wiederkommen wird, nämlich am Jüngsten Tage, zu richten die Lebendigen und die Toten; und dass nur Eine Auferstehung sein wird, nämlich die des Jüngsten Tages beide der Gerechten und der Ungerechten; und dass bis dahin das Reich Christi auf Erden ein Kreuzreich sein wird, und in keinem Wege ein Reich der Herrlichkeit. Die Schwärmerei der Chiliasten gehört mit zu den geistlichen Plagen, von welchen die Kirche JEsu Christi geplagt wird bis an den Jüngsten Tag.“

Soweit die Auslegung des 20. Kapitels der Offenbarung des Johannes, das von den Chiliasten als Hauptbeweis für ihre Schwärmerei angeführt wird. Damit ist diese Schwärmerei eigentlich schon gründlich und hinreichend widerlegt. Nirgends sonst ist in der Schrift von einem tausendjährigen Regiment Christi die Rede. Selbst der Begriff „tausend Jahre“ kommt nicht vor, außer in dem Psalmwort (Ps 90,4): “Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.“ Dieses Psalmwort zitiert dann der Apostel Petrus frei im Zusammenhang mit der Erwartung des Jüngsten Tages (2Petr 3,8): “Eines aber sei euch unverhalten, ihr Lieben, dass ein Tag vor dem HErrn ist wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag.“

Die Chiliasten führen aber noch eine Reihe alttestamentlicher Stellen an, die ihre Vorstellungen von einem herrlichen Reich Christi auf Erden zu unterstützen scheinen. In den ES werden zwei dieser Stellen benannt: Jes 9,4-6 und Jes 11,6 ff. Ich füge noch ein in den letzten Jahren viel missbrauchtes Schriftwort hinzu: Jes 2,2 ff. Diese Prophetenworte wollen wir uns noch näher anschauen.

3.5. Prophetenworte, die die Chiliasten zur Unterstützung ihrer Schwärmerei anführen

Die ES zitieren im Anschluss an Offb 20:

Jes 9,4-6: Denn aller Krieg mit Ungestüm (alle Rüstung derer, die sich mit Ungestüm rüsten) und blutig Kleid wird verbrannt und mit Feuer verzehret werden. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friedefürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhl Davids und (in) seinem Königreich, dass er’s zurichte und stärke mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HErrn Zebaoth.

Jes 11,6f: Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen usw. Vgl. Luk 2,14: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, Joh 14,27: Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

Ferner Apg 10,36; 2Kor 5,19.20; Eph 2,14-18. Wiederum vgl. Matth 10,34-39: Ich bin nicht kommen Frieden zu senden, sondern das Schwert usw.; 24,7: Denn es wird sich empören ein Volk wider das andere und ein Königreich wider das andere.

3.5.1. Zu Jesaja 9,4-6

Die Verse stehen im Zusammenhang einer Weissagung, die Jes 8,5-9,6 umfaßt (nach alter Zählung Jes 8,5-9,7). Georg Stöckhardt (15) fasst den Inhalt der Weissagung wie folgt zusammen:

„Der Hauptinhalt dieser Weissagung ist Christus-Immanuel, dieses Wunder, das Kind, welches nach der Menschen Weise geboren und doch zugleich der starke Gott ist. Dieser Immanuel ist der Erlöser seines Volks, der befreit sein Volk von Sünde, Strafe, Zorn, Gericht. Und dann richtet er als König sein Friedensreich auf Erden auf. In Galiläa, in dem Kreis der Heiden, nimmt dieses Reich seinen Anfang und breitet sich dann über alle Länder der Heiden aus. Gerade aus den Heiden wird die Kirche des Neuen Testaments gesammelt. Denn den beiden Häusern Israels ist der HErr Zebaoth, Christus-Immanuel ein Stein des Anstoßes und Fels des Ärgernisses. Schon das Israel zu Jesajas Zeiten verhärtete sich im Unglauben gegen das Wort der Verheißung, verachtete die stillen Wasser Siloah (8,6). Darum gibt Gott dieses Volk in die Hand der Heiden. Die Weltmacht Assur überflutet wie ein reißender Strom erst das Land Israel, dann das Land Juda. Und wenn dann Christus-Immanuel erscheint, läuft Israel gegen diesen Felsen an und zerschellt an diesem Felsen. Gott gibt das verstockte Volk schließlich in die äußerste Finsternis dahin, auf welche keine Morgenröthe folgt. Indeß es findet sich in Israel noch ein Rest, eine ecclesiola (d.h. ein Kirchlein), ein kleiner Kreis treuer Jünger, der sich um die Predigt der Propheten sammelt. Die hören auf die Stimme und Warnung der Propheten und gehen nicht den Weg dieses Volks, sondern sich von der massa perdita (d.h. dem verlorenen Haufen) ab. Und wenn dann Christus erscheint, das helle Licht des Heils aufgeht, dann freut sich dieses wahre Israel seines Heilands und Erlösers und bleibt bewahrt, während das abtrünnige, verstockte Israel dem Zorn und Gericht verfällt. An diesen Rest aus Israel schließt sich die gläubige Heidenwelt an. Dieses neutestamentliche Gottesvolk hat aber zunächst auf Erden keine guten Tage. Es hat Friede ohne Ende. Doch das ist ein geistlicher Friede, dabei hat es Kampf und Streit nach außen. Es sind eben die Übrigen aus den Heiden, welche in dies Reich Christi eingehen. Die große Masse der Heiden ratschlagt wider Gott und seinen Gesalbten. Der Prophet schaut 8,9.10 die wilden Heidenhorden, welche dem Volk Gottes das Garaus machen wollen. Aber Christus-Immanuel, der Fürst seines Volks, tritt für sein Volk ein, ist Schutz und Schirm seiner bedrängten Kirche. Er beschirmt die Kinder, die Gott ihm gegeben hat, wider die ungestümen Angriffe der feindlichen Welt, er bewahrt sie in den schweren Versuchungen, die über sie kommen, er bewahrt sie im Wort und Glauben. Und dereinst übergibt er die auserwählten Kinder gerettet, wohlbehalten in die Hand seines Vaters. So führt Gottes Rat alles herrlich hinaus. Der Trost Immanuels in dunklen Tagen ist demnach die Summa dieser Weissagung. Die Erfüllung dieser Weissagung, die jetzt noch im Schwange geht, liegt vor Augen. Und auch das Letzte wird der Eifer des HErrn Zebaoth hinausführen.“

3.5.2. Zu Jesaja 11,6-9

Diese Verse schließen sich unmittelbar an die uns wohlbekannte Weissagung von der „Rute vom Stamm Isais“ an, und sie gehören dazu. Diese ersten Sätze der Weissagung (11,1-5) lauten: „Und es wird eine Rute aufgehen von dem Stamm Isais, und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf welchem wird ruhen der Geist des HErrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rats und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HErrn. Und sein Riechen (Wohlgeruch, Wohlgefallen) wird sein in der Furcht des HErrn. Er wird nicht richten, nach dem seine Augen sehen, noch strafen, nach dem seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und mit Gericht strafen die Elenden im Lande und wird mit dem Stabe seines Mundes die Erde schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und der Glaube der Gurt seiner Nieren.“

Darauf folgen nun also die Verse, die uns besonders interessieren. Stöckhardt übersetzt und erklärt sie aus und nach dem hebräischen Urtext. Er schreibt (16):

„V. 6-8: Und der Wolf wird bei dem Lamme wohnen, und der Pardel (Panther) bei dem Böckchen lagern; und Kalb und Löwe und Mastochs zusammt: ein kleiner Knabe treibt sie vor sich her. Und Kuh und Bär werden weiden, beieinander lagern ihre Jungen; und ein Löwe frisst Stroh wie ein Rind. Und es vergnügt sich ein Säugling am Loch der Otter, und ein Entwöhnter streckt seine Hand aus nach der Öffnung des Basilisken (Natter). Zur Zeit des Regiments des Sohnes David wird das geschehen, was hier beschrieben wird. Wölfe, Löwen und Bären wohnen bei Lämmern, Kälbern, Ochsen, Böcken, ihre Jungen lagern zusammen. Die ersteren tun den letzteren keinen Schaden. Die wilden Tiere sind auch den Menschen nicht mehr schädlich und gefährlich, ein kleiner Knabe treibt eine Herde Ochsen und Löwen vor sich her. Wölfe, Bären, Löwen haben ihre wilde Art und Natur abgelegt, dürsten nicht mehr nach Blut, Bären weiden und grasen, wie Kühe, ein Löwe frisst Stroh, wie ein Rind. Ein Säugling vergnügt sich am Loch der Otter, sieht seine Lust daran, wie das glatte, bunte Tier da aus- und eingeht, und die Otter tut ihm kein Leid an. ... Ein Entwöhnter streckt seine Hand aus nach der Öffnung des Basilisken, um ihn zu ergreifen und mit ihm zu spielen. Die Schlangen stechen nicht mehr, haben ihr Gift verloren ...

Wie ist nun diese ganze Schilderung zu verstehen? Die meisten neueren Ausleger fassen sie im eigentlichen Sinn, die Rationalisten als schönen, frommen Wunsch und Traum des Propheten, Andere ... als Beschreibung der zukünftigen verklärten Welt. Auf der neuen Erde, so meint man, werde ein ähnlicher Paradieseszustand wiederkehren, wie er im Anfang auf Erden war, da werde es nur zahme Tiere geben, welche unter sich und mit den Menschen in Frieden leben. Aber so verstanden wäre diese Weissagung ein unicum (d.h. allein dastehend). Wenn die Propheten auch sonst von einem neuen Himmel und einer neuen Erde weissagen, z.B. Jes 65,17ff; 66,22ff; wenn auch St. Paulus Röm 8,19 von einer Erlösung der Creatur redet und von einem Anteil der Creatur an der Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes, so weiß und sagt die Schrift doch sonst nichts von einer Tierwelt, ebensowenig von einer Pflanzenwelt und einem Mineralreich der neuen Erde. Es wird vielmehr auf der neuen Erde Alles neu, geistlich und göttlich sein. Wohl finden wir anderwärts, wo im Zusammenhang die neue Erde beschrieben wird, ähnliche Ausdrücke, wie an unserer Stelle, z.B. Jes 65,25: ‘Wolf und Lamm sollen weiden zugleich, der Löwe wird Stroh essen wie ein Rind, und die Schlange soll Erde essen.’ Aber das ist offenbar bildliche Rede. Es wird da im Zusammenhang, 65,17ff, die ungetrübte Freude und der ungetrübte Friede des ewigen Lebens, welchen nicht die Tiere, sondern die Auserwählten (V. 22) genießen, mit Farben und Bildern, welche dieser gegenwärtigen Welt und Zeit entnommen sind, ausgemalt. Wir Menschen sind einmal in dieser Zeit mit unsern Vorstellungen, wie mit unserer Sprache an diese sinnliche Welt gebunden, und so accommodiert sich (d.h. paßt sich an) der Heilige Geist, wenn er uns die übersinnlichen Dinge, die zukünftigen Güter und Freuden des Jenseits nahe führen will, an unsere Weise, zu denken und zu reden. Die Vertreter der realistischen Anschauung erkennen nun wohl ihrerseits an, dass an unserer Stelle eine ‘ideal-poetische Darstellung’ vorliege, und nennen es ‘geistlose Buchstäbelei’, ’wenn man frage, ob wirklich die Löwen im messianischen Reich Stroh fressen werden’. ... Sie verwahren sich dagegen, dass man die Tiere, Löwen, Bären, Pardel in Menschen verwandele, gleichwohl mögen sie es nicht Wort haben (wörtl. nehmen), dass auf der verklärten Erde die Bären wirklich Gras und die Löwen Stroh fressen werden.’ Aber wo ist denn da die Grenze zwischen Geist und Buchstaben, zwischen Sache und Bild zu ziehen? Man gibt schließlich auch zu, dass es weder leicht, ’noch Jedermanns Ding sei, die Grenze zwischen Idealismus und Realismus der Auslegung zu finden’, und räumt damit faktisch ein, dass diese moderne Deutung sich in Grau, Dunst und Nebel verliert. Das richtige Verständnis unserer Stelle ergibt sich aus dem, was der Prophet V. 9 hinzufügt, wie aus dem ganzen Context (d.h. Zusammenhang) der prophetischen Rede. Wir nehmen daher zunächst V. 9 hinzu.

V. 9: Man wird nicht Böses tun und nicht Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn die Erde ist voll von Erkenntnis des HErrn, gleich Wassern, welche das Meer bedecken. Es fragt sich zuerst, welches das Subjekt der Aussage V. 9a sei, ob jene Tiere, die V. 6-8 genannt sind, wie die realistischen Erklärer annehmen, oder Menschen. ... An unserer Stelle schließt das Verhältnis der beiden Sätze V. 9a und V. 9b die Beziehung der Aussage V. 9a auf die Tiere schlechterdings aus. Dass die V. 9a genannten Subjekte kein Böses tun, keinen Schaden anrichten, wird V. 9b damit begründet (...), dass die Erde voll Erkenntnis des HErrn ist, so dass die Erkenntnis des HErrn den Wassern gleicht, welche den Meeresgrund bedecken, eigentlich (...): ihm Deckung gewähren. Die auf Erden den HErrn erkennen, das können doch unmöglich Tiere sein, sondern nur Menschen. Und eben die den HErrn erkennen, beweisen diese ihre Erkenntnis damit, dass sie Niemandem Böses oder Schaden zufügen. Die Erkenntnis des HErrn ist Grund, Quelle, Motiv dieser Handlungsweise, dass sie Niemandem Leid antun. Die den HErrn erkennen, sind offenbar dieselben Personen, welche nach V. 3 dem erhöhten Christus das Opfer der Furcht des HErrn und der Anbetung darbringen. Erkenntnis, Liebe und Furcht des HErrn ist die Gesinnung des wahren Gottesvolkes, der Bürger und Untertanen des Messiasreiches, und diese ihre Gesinnung, ihr Verhalten gegen den HErrn gibt sich dann auch Ausdruck in ihrem Tun und Wandel, in ihrem Verhalten unter einander. Sie fügen einander keinen Schaden zu, sondern leben mit einander in Frieden und Liebe. Und zwar ist das der jetzige status quo (d.h. der gegenwärtige Zustand), die jeweilige Verfassung der Gläubigen, dass sie den HErrn erkennen, fürchten und lieben und sich einander lieben und Gutes tun. Der Prophet hat in dieser Weissagung nicht den zukünftigen Stand der Vollendung vor Augen, sondern beschreibt das Reich Christi auf dieser Erde. Die den HErrn fürchten, die Untertanen des Königs Christus sind die Geringen und Sanftmütigen V. 3, welche von der gottlosen Erde, von der widerchristlichen Welt viel leiden müssen (V. 4), also noch in dieser bösen Welt leben. Der Ort, wo diejenigen wohnen, welche den HErrn erkennen und kein Böses, keinen Schaden tun, heißt V. 9a ‘mein ganzer heiliger Berg’ und V. 9b die Erde. ... Der Vergleich der Erkenntnis des HErrn mit den Wassern, welche das ganze Meer bedecken, passt nur zu dem Gedanken, daß die Erde, nicht ein besonderes Land der Erde voll ist der Erkenntnis des HErrn. Der ‘heilige Berg Gottes’ ist, wie Jes 57,13; Ps 78,54; 2Mose 15,17, identisch mit dem Lande Canaan, welches durchweg ein Bergland ist, ein Gebirge. Aber eben das Canaan, das heilige Land des Neuen Testaments, das Gebiet des Reichs und Regiments des Sohnes Davids hat der Prophet hier im Sinn. Und das erstreckt sich über die ganze Erde. Doch ist die Aussage, dass die Erde voll ist der Erkenntnis des HErrn, nicht so zu pressen, als würden nun alle Bewohner der Erde ohne Unterschied zur Zeit des Messias zur Erkenntnis des HErrn kommen und faktisch Untertanen und Bürger des Reiches Christi werden. Nein, andererseits, wie V. 4, erscheint die Erde als gottlos, als Feindin Gottes und seines Gesalbten. Die große Masse der Menschen ist und bleibt massa perdita (d.h. ein verlorener Haufen). Das wahre Gottesvolk ist und bleibt die kleine Herde. Da indes diese kleine Herde, die den HErrn erkennt und fürchtet, sich über die ganze Erde ausbreitet, so kann man wohl sagen, dass die Erde voll ist der Erkenntnis des HErrn.

Wenn man V. 9 recht verstanden hat und nicht aus dem Auge verliert, dann kann kein Zweifel mehr obwalten, wie man jene liebliche Szene aus dem Tierleben V. 6-8 aufzufassen hat. Die Kirchenväter, die lutherischen Theologen, wie auch die reformierten, z.B. Calvin, Vitringa, verstehen sie bildlich, als ein schönes Contrefei (d.h. Abbild) der seligen Harmonie, des Friedens und der Liebe, welche im Reich Christi, in der Kirche Christi herrschen. Diese kirchliche Fassung ist die richtige. V. 6-8 ist Bildersprache, und V. 9 die Deutung dieser Bildersprache. Dass die Bürger des Reichs Christi, welche den HErrn erkennen und lieben, nicht mehr einander Schaden und Leid antun, dass die Menschen durch die Erkenntnis des HErrn um­ge­wandelt, neue Menschen werden, ihre alte raue, rohe Art ablegen, friedsam, gütig, gelinde werden und als Brüder bei einander wohnen, mit einander verkehren, das ist der Gedanke, welcher durch jenes Gleichnis von der Umwandlung der wilden Tiere und dem friedlichen Zusammenleben der ehedem wilden Tiere und der zahmen Tiere veranschaulicht wird. Der Friede des Messiasreichs ist 2,4 und 9,4 gleichfalls allegorisch ausgemalt. Wir heben nochmals hervor, dass diese ganze Weissagung den jetzigen status quo (d.h. den gegenwärtigen Zustand) des Reichs Christi umschreibt, die gegenwärtige Zeit, da der Gottlose und die chri­stusfeindliche Welt noch auf Erden ihr Wesen haben. Das Reich Christi ist, weil es die böse Welt und den Gottlosen wider sich hat, zur Zeit noch ein Kreuzesreich, ist aber doch zugleich ein Reich des Friedens und der Liebe, ein seliges Paradies. Ja, pax in terra (d.h. Friede auf Erden). Bei dem angegebenen tertium comparationis (d.h. Vergleichspunkt) müssen wir aber auch stehen bleiben. Manche alte Theologen gefallen sich in weitschweifiger Ausdeutung der einzelnen Züge der Gleichnisrede V. 6-8, deuten etwa die Löwen, Wölfe, Pardel, Bären auf die Heiden, die Kühe, Ochsen, Lämmer, Böcke auf Israel, den Säugling am Loch der Otter auf den Jungfrauensohn, Christum, welcher der Schlange den Kopf zertritt, das Stroh, welches der Löwe frisst, auf das Evangelium, welches die Heiden in sich aufnehmen. Das ist Willkür und Spielerei. Wir bleiben in den Schranken, bleiben bei dem Einen Gedanken stehen, der in bunter Farbenpracht uns hier vor Augen gemalt wird, der communio sanctorum (d.h. der Gemeinde der Heiligen) (Calov). Schließlich bedarf es wohl kaum noch der Bemerkung, dass hier der herrschende Charakter der Gemeinde der Gläubigen gekennzeichnet wird, und dass solche Charakterzeichnung nicht ausschließt, dass den Gläubigen, so lange sie noch in dieser Welt wandeln, noch manche Sünde und Unvollkommenheit anklebt, dass sie noch manches tun, was dem Frieden und der Liebe widerspricht. Auch die Apostel nennen ja die Christen schlechtweg Auserwählte, Heilige und Geliebte.“

3.5.3. Zu Jesaja 2,2-4

Diese Weissagung hat in den vergangenen Jahren, bzw. nun schon Jahrzehnten eine traurige und etwas fatale Berühmtheit erlangt dadurch, dass sie dazu herhalten musste, der sogenannten Friedensbewegung ein Propagandaschlagwort zu liefern: Schwerter zu Pflugscharen. Romantische Weltverbesserer, die eigentlich dem liberalen Lager angehören, und Chiliasten haben sich in Missdeutung und Missverstand dieser Weissagung getroffen. Aber auch sie redet nicht vom tausendjährigen Reich Christi auf Erden, noch weniger kann sie Ausgangspunkt für Aktivitäten zur Weltverbesserung sein. Stöckhardt fasst den Sinn der Weissagung wie folgt zusammen (17): „Der Eingang der Heiden in das Reich Gottes: das ist der Grundgedanke der Weissagung Cap. 2,2-4. In der Kirche, in der Sammlung und Ausbreitung der Kirche, in dem Zustand und Leben der Kirche ist und wird fort und fort diese Weissagung erfüllt. Weissagung und Erfüllung umspannt den ganzen letzten Aeon (d.h. Weltzeitalter). Die meisten neueren Aussleger verlegen freilich als Chiliasten die Erfüllung in die Endzeit der Endzeit, in ihr Millenium. Da werden die Völker der Erde im buchstäblichen, eigentlichen Sinn des Worts in das heilige Land, zum Tempel des HErrn, der dann in neuer Herrlichkeit aus Schutt und Asche erstanden ist, wallfahrten und sich an das bekehrte Israel anschließen. Da wird Christus, der HErr, sichtbar auf Zion wohnen und thronen, und die ganze Welt wird seinem Richterspruche sich fügen. Es wird allgemeiner Völkerfriede sein. Da wird der Berg des HErrn, der Berg Morija in Jerusalem, sei es allein oder sammt der ganzen Stadt Jerusalem oder sammt dem ganzen Land Canaan, in die Höhe wachsen, bis er alle Berge und Hügel der Erde überragt, und dort oben, auf der Spitze des höchsten Berges der Erde, werden alle Völker anbeten. ‘Jetzt wird der Südosthügel, welcher den Tempel trägt, von dem Südwesthügel überragt, und die in kühnen Kuppen und Säulen aufsteigenden Basaltberge Basans sehen scheel und höhnisch auf den kleinen Kalkberg, den Jahve erkoren, hernieder, ein Missverhältnis, welches die Endzeit aufheben wird, indem sie das Äußere dem Innern, die Erscheinung dem Wesen und Werte gleich macht.’ Delitzsch (18). Man rühmt diese buchstäbliche oder realistische Auffassung der Weissagung als Gehorsam gegen das Wort der Schrift. Man muss den Text nehmen, wie er lautet. So sagt man. Aber abgesehen auch von der Erfüllung dieser Prophetie im Neuen Testament, die jedes Christenkind mit Händen greifen kann: der Wortlaut der Weissagung selbst straft die Chiliasten Lüge. Kein vernünftiger Mensch kann leugnen, dass sich in der Schrift, und gerade bei den Propheten viel bildliche Rede findet. Diese Bildersprache ist entweder so klar und deutlich, dass der rechte Sinn jedem unbefangenen Leser von selbst in die Augen springt. Oder es finden sich unter den bildlichen Ausdrücken auch Aussagen, welche dieselbe Sache mit dürren, eigentlichen Worten beschreiben. Beides ist hier der Fall. Wer die Schrift kennt, wird um das rechte Verständnis der Tropen (d.h. Bild- oder Gleichnisreden) V. 2, V. 3a, V. 4 keinen Augenblick verlegen sein. Aber von dem unmissverständlichen Satz 3b aus fällt auch Licht auf das Vorhergehende und Nachfolgende. Von Zion und Jerusalem wird Gottes Wort, das Gesetz des Neuen Bundes in die Heidenwelt ausgehen. Das ist deutliche, eigentliche Rede. Wenn nun aber das Evangelium von selbst zu den Heiden kommt, dann brauchen die Heiden nicht ihren Wohnort zu verlassen und nach Palästina zu pilgern, um dort Gottes Wort zu holen. Aut - aut (d.h. entweder - oder): entweder die Heiden gehen nach Zion und finden dort das Wort, oder das Wort wird von Zion aus ihnen an ihren Ort überbracht. Beides zusammen ergibt Unsinn. Nun ist das Letztere der Fall. Also ist die Wanderung der Völker nach Jerusalem kein eigentliches Gehen und Wandern. Nein, sie gehen zum Hause des HErrn in dem Sinne, wie wir vom Eingang der Heiden in das Reich Gottes reden, wenn wir die Bekehrung der Heiden beschreiben wollen. Dass den Heiden daran liegt, ‘vom HErrn unterwiesen’ zu werden, dass sie ‘in den Wegen des HErrn wandeln’, bestätigt, dass der Prophet in diesem ganzen Abschnitt nicht Anderes im Sinn hat, als die Bekehrung der Heiden durch das Wort des HErrn, das ihnen überbracht wird. Und eben auf diese Weise, indem ein Volk nach dem andern in die Kirche Christi eingeht, gewinnt Gottes Reich solche Größe, solchen Umfang, daß es alle Reiche der Welt an Ausdehnung übertrifft. V. 2. Die Herrschaft des HErrn V. 4a wird durch den Zusammenhang mit V. 3b als Herrschaft durch das Wort näher bestimmt. Und die friedliche Gesinnung der Heiden, die zum Berg des HErrn gekommen sind, ergibt sich auch als Wirkung des Worts des HErrn. Man muss mit Blindheit geschlagen sein, um die rechte Deutung der Weissagung zu verfehlen. Die krass-sinnliche Deutung, sonderlich die Vorstellung, dass der Tempelberg in Jerusalem im Millenium als der höchste Berg der Erde rangiert, läuft auf platten Unsinn hinaus. Die sonst der Schrift und dem klaren Wortlaut und Sinn der Schrift nicht glauben wollen, sind dazu verurteilt, schließlich Unsinn zu glauben.“

Was aber den heutzutage unter dem Schlagwort „Schwerter zu Pflugscharen“ missbrauchten V. 4 betrifft, sagt Stöckhardt: „Das Umschmieden der Schwerter und Spieße zu Pflugmessern und Winzerhippen ist eine anmutige bildliche Einkleidung des Gedankens: Friede auf Erden.“

4. Zusammenfassung

Seit dem 2. Jahrhundert hängen Sekten, aber auch Lehrer der Kirche, die rechtgläubig sein wollen und es weitgehend sogar sind, der Schwärmerei des Chiliasmus an, der Vorstellung von einem herrlichen tausendjährigen Friedensreich Christi hier auf Erden vor dem Jüngsten Gericht. Sie gründen ihre Schwärmerei hauptsächlich auf das 20. Kapitel der Offenbarung des Johannes und im Anschluss daran auf die buchstäbliche Deutung einer Reihe alttestamentlicher Weissagungen.

Abgesehen davon, dass der Gedanke an ein Millenium klaren Aussagen Jesu und der Apostel widerspricht, die das Reich Christi als Kreuzreich bis zum Jüngsten Tag beschreiben, hat eine Prüfung der von den Chiliasten angeführten Schriftstellen ergeben, dass diese nicht als Beweis für ein Millenium taugen. Der Chiliasmus ist nicht nur nicht schriftgemäß, er ist schriftwidrig.

 


Endnoten:

 

1) Irenäus, Adversus haereses, Buch V, Kap. 33, Abschnitt 4; zitiert bei Eusebius, Kirchengeschichte, Band III, Kap. 39, Abschnitt1. [top]

2) Der Apostel Johannes hat nach dieser Aussage seinem Schüler Papias das Johannesevangelium diktiert. Es gibt Gelehrte, die die letzten Worte des Evangeliums (Joh 21,24f) dem Papias zuschreiben. [top]

3) Eusebius, KG III 39,4. [top]

4) Eusebiums, KG III 39,11ff. [top]

5) Irenäus, Adv. haer. IV 27,1. [top]

6) Irenäus, Adv. haer. IX 33,3f. [top]

7) Joh. Heinr. Kurtz, Lehrbuch der heiligen Geschichte (6. verb. Auflage, Königsberg 1853), S. 302 ff. [top]

8) Alle Betonungen (Fettdruck) von Kurtz. [top]

9) Kurtz will also, trotz seiner Milleniumsgedanken, nicht zu den Chiliasten gezählt werden. [top]

10) Carl Manthey-Zorn, Die Offenbarung St. Johannis (Zwickau 1910), S. 302ff. [top]

11) Fußnote von Zorn (S. 306): "Siehe Wahls Clavis (ein Wörterbuch zum griechischen NT) unter eti: B. In der da angegebenen Bedeutung fasse ich das eti hier." Die neueren Wörterbücher zum griechischen NT (Bauer, Ebeling) geben die gleiche Bedeutung. [top]

12) In der Völkertafel 1. Mose 10 wird V. 2 unter den Kindern Japhets Magog genannt. Bei Hesekiel (Kap. 38-39) erscheint dieser Name wieder als Völkername in Verbindung mit einem von diesem Namen abgeleiteten Fürstennamen: Gog. Gog und Magog sind symbolische Bezeichnungen für die geballte Macht der auf das Volk Gottes anstürmenden Feinde. [top]

13) Fußnote von Zorn (S. 323): "Wenn ich, wie manche unserer alten lutherischen Väter es tun, die geweissagten 'tausend Jahr' für eine Blütezeit – wohlgemerkt: Blütezeit der Kirche hielte, so wäre ich ja toll, wenn ich dieselben in der Zeit erblicken wollte, in welcher der Kirche weltmächtig und  - weltförmig geworden ist. Aber ich glaube nicht, dass hier überhaupt eine Blütezeit der Kirche geweissagt ist, sondern nur eine Zeit, da zu allen anderen leiblichen und geistlichen Trübsalen nicht auch noch ein großer, vom Teufel erregter Ansturm der Welt auf dieselbe hinzukommen sollte. Diese teilweise Ruhe hätte die Kirche zur inwendigen Erblühung benutzen sollen, hat's aber nicht getan, sondern ist wie weltmächtig, so auch weltförmig geworden. Eine irdische Blütezeit der Kirche sehe ich weder geweissagt noch gekommen. Auch die erste apostolische und nachapostolische Blütezeit der Kirche war voll Elend, wie das Neue Testament und die Kirchengeschichte zeigen. Will jemand hierüber mit mir hadern, so tue er es. Aber ich bin wesentlich einig mit jedem, der die Kirche Jesu Christi von Anfang bis zu Ende für ein geistliches und unsichtbares Kreuzzeichen hält, wie die Schrift sie zeichnet." [top]

14) Harmageddon erscheint Offb 16,16 als Ort des Streites der vom Antichristen gegen das Reich Christi aufgehetzten Könige der Welt. Heute deutet man das Wort meistens als "Berg Megiddos" und weiß nichts damit anzufangen. Heinrich Ebeling gibt in seinem Wörterbuch zum griechischen Neuen Testament die Deutung "Berg der Ausrottung". In Büchners Hand-Concordanz heißt es dazu: "Es ist symbolische Bezeichnung der gänzlichen Niederlage, welche die Feinde des Reiches Gottes erleiden werden, oder des Gerichtes, das sie treffen wird." [top]

15) Georg Stöckhardt, Commentar über den Propheten Jesaja (St. Louis, Mo. 1902), S. 123f. [top]

16) Stöckhardt, S. 152 ff. [top]

17) Stöckhardt, S. 22 f. [top]

18) Franz Delitzsch, Professor der Theologie, zuerst ein treuer Zeuge für die unbedingte Geltung der Heiligen Schrift und des lutherischen Bekenntnisses, der er auch später sein wollte und in mancher Hinsicht auch noch war, öffnete sich aber doch neuen Ideen und Spekulationen, die ihn auf falsche Bahnen brachten, u.a. auch zum Chiliasmus. [top]

 

 

 

 


Der Referent war bis zu seinem Ruhestand Dozent für Neues Testament am Lutherischen Theologischen Seminar der Evangelisch-Lutherischen Freikirche in Leipzig.

 


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