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Lehrvortrag
vor der 82. Synode der Ev.-Luth. Freikirche
in
Schönfeld am 5.-7. Juni 1998
gehalten
von Pastor Fritz Horbank
Gliederung:
Einleitung
Zur
missionarischen Verkündigung der Boten Christi gehörte selbstverständlich die
Tatsache seiner Wiederkunft. Im Zusammenhang damit wurden die neu entstandenen
Gemeinden auch über das unterrichtet, was der Wiederkunft des Herrn vorausgeht.
Dazu gehörte von Anfang an die Belehrung über den Antichrist. Als Paulus die
Weissagung vom Antichrist im 2. Brief an die Thessalonicher niederschrieb,
konnte er seinen Lesern sagen, dass das für sie doch nichts Neues sei. “Gedenket
ihr nicht daran, dass ich euch solches sagte, da ich noch bei euch war?”
fragte er sie (2Thess 2,5). Und der Apostel Johannes erinnerte in seinem 1.
Brief (2,18) seine Leser daran, dass sie gehört hatten, dass der Widerchrist
kommt. Das Thema “Antichrist” war für die erste Christenheit nicht eine
weniger wichtige Sache, über die man nach Belieben reden oder auch schweigen
kann, gehört doch das Erscheinen des Antichrist zu den Zeichen, die der
Wiederkunft Christi vorausgehen. Bei
Matthäus (Kap. 24), Markus (Kap. 13) und Lukas (Kap. 21) lesen wir, was der
Herr Christus von seiner Wiederkunft und dem, was ihr vorausgeht, geweissagt
hat. Vom Antichrist ist da nicht ausdrücklich, sondern nur andeutungsweise die
Rede. Matth 24,15 sagt Jesus: “Wenn ihr nun sehen werdet den Gräuel der
Verwüstung, davon gesagt ist durch den Propheten Daniel, dass er stehe an der
heiligen Stätte (wer das lieset, der merke darauf)…” (vgl. Mk 13,14).
Dreimal spricht der Prophet Daniel vom “Gräuel der Verwüstung”: Dan 9,27;
11,31 und 12,11. Die erste dieser drei Weissagungen hat sich erfüllt im
Zusammenhang mit der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70. Die beiden anderen
fanden ihre Erfüllung schon im Jahre 167 v. Chr., als der Seleukidenherrscher
Antiochus IV. Epiphanes im Tempel zu Jerusalem den Kult des Zeus Olympios einführte.
(Ich habe darüber ausführlicher gesprochen im Synodalreferat von 1994, S.16ff
und S. 20.) Die Weissagung Dan 11-12 zielt aber sachlich und zeitlich über
Antiochus hinaus in die Endzeit der Welt. Antiochus erscheint als ein Typos, ein
Vor- und Abbild einer viel unheimlicheren endzeitlichen gottwidrigen Macht. Er
ist der Typos des Antichrist, des Erzfeindes Christi, der in ganz anderer Weise
einen “Gräuel der Verwüstung” an heiliger Stätte aufrichten wird. Von
diesem Erzfeind Christi erhalten wir eine genauere Beschreibung zuerst durch den
Apostel Paulus im 2. Kapitel des 2.Thessalonicherbriefes. Ich glaube, dass er es
war, dem der Heilige Geist diese Erkenntnis durch eine besondere Offenbarung
zuteil werden ließ; freilich nicht erst, als er diesen Brief schrieb, denn er
konnte ja - wie schon gesagt - seine Leser darauf hinweisen, dass er schon davon
gesprochen hatte, als er bei ihnen war. Diese
Weissagung vom Antichrist im 2. Kapitel des 2. Thessalonicherbriefes soll in
diesem Referat eingehend betrachtet werden. 1. Das Wort “Antichrist”
Ehe
wir uns der Weissagung des Apostels Paulus zuwenden, wollen wir die Frage
beantworten, was das Wort “Antichrist” bedeutet. Es kommt in der Bibel nur
vier- bzw. fünfmal vor; bei Paulus gar nicht, sondern nur im 1. und 2. Brief
des Apostels Johannes. 1Joh
2,18 schreibt er: “Kinder, es ist die letzte Stunde; und wie ihr gehöret
habt, dass der Widerchrist kommt, und nun sind viele Widerchristen geworden.”
Und in Vers 22 fügt er hinzu: “Wer ist ein Lügner, ohne der da leugnet, dass
Jesus der Christ sei? Das ist der Widerchrist, der den Vater und den Sohn
leugnet.” 1Joh
4,3 lesen wir: “Ein jeglicher Geist, der da nicht bekennet, dass
Jesus Christus ist in das Fleisch gekommen, der ist nicht von Gott. Und das ist
der Geist des Widerchrists, von welchem ihr habt gehöret, dass er kommen werde,
und ist jetzt schon in der Welt.” 2Joh
7 schreibt er ganz ähnlich: “Viele Verführer sind in die Welt gekommen,
die nicht bekennen Jesum Christum, dass er in das Fleisch gekommen ist. Dieser
ist der Verführer und der Widerchrist.” Luther
übersetzt das griechische Wort “Antichristos” mit “Widerchrist,
Widerchristus”. Wir können es für uns deutlicher mit “Gegenchristus”
wiedergeben. Dieser Gegenchristus ist nicht das Gleiche wie die “falschen
Christi”, von denen der Herr Christus Mt 24,24 und Mk 13,22 spricht. Dort
steht das griechische Wort “Pseudochristos”, wörtlich übersetzt “Lügenchristus”.
Damit sind solche gemeint, die vorgeben, der wahre Christus oder Messias zu
sein, in dem sich die Verheißungen Gottes erfüllen. Der Schriftausleger
Albrecht Bengel sagt dazu in der Mitte des 18. Jahrhunderts: “Von der Zeit des
wahren Christus bis zu unserem Zeitalter werden 64 Pseudomessiasse gezählt,
durch welche die Juden irregeleitet worden sind”.1
Aber nicht nur die falschen Messiasse der Juden gehören zu den Lügenchristi,
sondern auch Sektengründer, die behaupten, dass Christus in ihnen wieder
Gestalt gewonnen habe. Sind
die Lügenchristi gleichsam als lügenhafter Ersatz Christi anzusehen, so ist für
den Antichrist, den Gegenchristus, der feindselige Gegensatz charakteristisch,
mit dem er dem Herrn Christus entgegensteht und sich an seine Stelle setzt.
Johannes erinnert seine Leser daran, dass sie gehört haben, dass der
Widerchrist, ein ganz bestimmter Gegenchristus, im Kommen ist. Da aber der Geist
des Widerchrists schon am Werk war, die widerchristische Bosheit sich schon
heimlich regte, wie Paulus schreibt (2Thess 2,7), konnte Johannes sagen, dass
viele Widerchristen geworden sind. Er meint damit solche, die die göttliche
Wahrheit, insbesondere die Heilsbotschaft, fälschen und leugnen. Bei den
Widerchristen zur Zeit des Apostels Johannes - es handelte sich um sogenannte
Gnostiker - wird der antichristische Geist besonders daran erkennbar, dass sie
leugnen, dass Jesus der Christus ist und dass er in das Fleisch gekommen ist.
Kurz gesagt: Das Bekenntnis der Christen lautet: Jesus ist der Christus. Die
Behauptung der Widerchristen lautet: Jesus ist nicht der Christus. Von
diesen vielen Widerchristen, die es schon zur Zeit der Apostel gab, zu allen
Zeiten gegeben hat und bis zum Jüngsten Tag geben wird, ist zu unterscheiden
der Antichrist, der Gegenchristus, den Paulus 1Thess 2 beschreibt. 2. Die Weissagung im 2.
Kapitel des 2.Thessalonicherbriefes
2.1. Vorbemerkungen
Auf
seiner 2. Missionsreise war Paulus im Jahre 52 nach Thessalonich gekommen. An
drei aufeinanderfolgenden Sabbaten hatte er in der dortigen Synagoge gepredigt.
Etliche Juden und eine große Anzahl gottesfürchtiger Griechen, darunter eine
Reihe vornehmer Frauen, waren zum Glauben gekommen. Die Gemeinde in Thessalonich
war entstanden. Aber die in Thessalonich zahlreichen Juden zettelten einen
Aufruhr gegen Paulus und seine Mitarbeiter an. Weil man ihrer nicht habhaft
werden konnte, schleppte man Jason, den Gastgeber des Apostels, mit etlichen
anderen Christen vor den Rat und klagte sie an, politisch gefährliche Leute zu
beherbergen. Die Angeklagten wurden zwar gegen Kaution wieder freigelassen, aber
die Gemeinde hielt es doch für besser, dass Paulus und seine Begleiter die
Stadt schnell verließen. Das berichtet uns Lukas Apg 17,1-10. Nicht lange
danach schickte Paulus seinen Mitarbeiter Timotheus nach Thessalonich, um die
Gemeinde in ihrem Glauben zu stärken und zu ermahnen (1Thess 3,1ff). Timotheus
brachte gute Nachrichten zu Paulus, der inzwischen in Korinth war. Die Christen
in Thessalonich waren trotz vieler Trübsale treu geblieben. Sie waren
vorbildlich im Glauben und in der Liebe, gerühmt von anderen Gemeinden, wenn
auch Gefahren drohten von Seiten der Juden und des Heidentums. Es waren jedoch
Unklarheiten entstanden wegen der Auferstehung der Toten und der Wiederkunft
Christi, die geklärt werden mussten. Das alles veranlasste den Apostel Paulus,
im Mai oder Juni 53 den 1. Brief an die Thessalonicher zu schreiben, den ersten
Brief, den wir von ihm haben. Nur kurze Zeit später, im August oder September
53, schreibt der Apostel abermals an die Gemeinde in Thessalonich. Er hatte neue
Nachrichten von dort erhalten. Die Christen in Thessalonich waren standhaft
geblieben in Verfolgungen und Trübsalen. Ihr Glaube und ihre Liebe waren
gewachsen. Aber es waren schwärmerische Erwartungen der Wiederkunft Christi
aufgetreten, wohl begünstigt durch die Verfolgungen, die die Gemeinde ertragen
musste. Man hatte Aussagen des Apostels einseitig missverstanden. Um die
Gemeinde vor dem Missverständnis zu bewahren, der Tag des Herrn sei schon da
oder stehe unweigerlich unmittelbar bevor, schreibt Paulus den 2. Brief
an die Thessalonicher. Luther
fasst in seiner Vorrede zu diesem Brief dessen Inhalt wie folgt kurz zusammen2:
“In der ersten Epistel hatte St. Paulus den Thessalonichern eine Frage
aufgelöset vom jüngsten Tage, wie derselbige schnell als ein Dieb in der Nacht
kommen wird. Wie es nun pfleget zu kommen, dass immer eine Frage die andere
gebiert, aus falschem Verstand, verstunden die Thessalonicher, der jüngste Tag
wäre schon vorhanden. Darauf schreibet er diese Epistel und erkläret sich
selbst. Im
ersten Kapitel tröstet er sie mit der ewigen Belohnung ihres Glaubens und
Geduld in allerlei Leiden und mit der Strafe ihrer Verfolger in ewiger Pein. Im
zweiten lehret er, wie vor dem jüngsten Tage das römische Reich zuvor muss
untergehen und der Antichrist sich für (als) Gott aufwerfen in der Christenheit
und mit falschen Lehren und Zeichen die ungläubige Welt verführen, bis dass
Christus komme und verstöre ihn durch seine herrliche Zukunft und mit einer
geistlichen Predigt zuvor töte. Im
dritten tut er etliche Ermahnung und sonderlich, dass sie die Müßigen, die
sich nicht mit eigener Hand ernähren, strafen und, wo sie nicht sich bessern,
meiden sollen; welches gar hart wider den jetzigen geistlichen Stand lautet.” Damit
ist deutlich, in welchem Zusammenhang die Weissagung vom Antichrist, dem
Gegenchristus, steht. 2.2. Die einleitenden Worte
der Weissagung (Verse 1-3a)
(1)
Aber der Zukunft halben unsers Herrn Jesu Christi und unserer Versammlung zu
ihm, bitten wir euch, liebe Brüder, (2) dass ihr euch nicht bald
bewegen lasset von eurem Sinn, noch erschrecken, weder durch Geist, noch durch
Wort, noch durch Briefe, als von uns gesandt, dass der Tag Christi vorhanden
sei. (3a) Lasset euch niemand verführen in keinerlei Weise. Die
Thessalonicher waren erst seit einem Jahr Christen. Der Apostel lobt ihr
Wachstum und ihre Standhaftigkeit im Glauben (2Thess 1,3ff). Aber nun droht
ihnen Gefahr durch Schwärmer, die sie im Hinblick auf die Wiederkunft Christi
verwirren könnten. Deshalb bittet Paulus sie eindringlich, sich in dieser Frage
nicht bald bewegen zu lassen in ihrem Sinn. Sie, die sonst so fest und
unbeweglich stehen in ihrem Glauben, dürfen jetzt nicht ins Wanken geraten in
ihrer besonnenen, gesunden Denkweise. Sie dürfen nicht in Schrecken geraten,
sich in ihrem Gemüt beunruhigen, wenn diese Schwärmer sich zu Worte melden,
ganz gleich, was sie zur Unterstützung ihrer Schwärmerei ins Feld führen. Die
Schwärmer behaupteten, dass der Tag Christi (oder der Tag des Herrn, wie es in
einer Reihe griechischer Handschriften nach der Redeweise des Alten Testaments
heißt) da sei. Sie konnten nicht meinen, dass der Herr Christus schon gekommen
sei. Sie waren doch noch mitten in der Drangsal und wussten, dass der Herr für
alle sichtbar erscheinen werde. Solchen Unsinn, wie ihn heute die Zeugen Jehovas
behaupten, dass der Herr unsichtbar gekommen sei, hätte damals in der
Christenheit niemand verbreitet. Was sie meinten war, dass die Drangsale, die
sie erdulden mussten, ein deutliches Zeichen seien, dass der Jüngste Tag
unweigerlich unmittelbar vor der Tür sei, dass es nur noch Tage, höchstens
aber ein paar Wochen dauern werde, bis der Herr sichtbar erscheine. Der
Apostel nennt nun dreierlei, was die Schwärmer vorbringen könnten als Beweis
dafür, dass ihre Behauptungen richtig seien: Geist, Wort und Briefe, als von
Paulus und seinen Mitarbeitern gesandt. Mit
“Geist” sind besondere Offenbarungen des Heiligen Geistes gemeint, auf die
sich die Schwärmer aller Zeiten gern berufen haben und noch berufen. Alle
Offenbarungen müssen sich aber an der Heiligen Schrift prüfen lassen. Sie können
nicht im Widerspruch stehen zum Wort der Apostel und Propheten, das ja vom
Heiligen Geist gewirkt ist. Wenn nun in Thessalonich unter Berufung auf den
“Geist” behauptet würde, der Jüngste Tag sei da, so stünde diese
Behauptung im Gegensatz zu dem, was die Thessalonicher von Paulus gehört
hatten. Es wäre also keine Offenbarung des Heiligen Geistes, sondern eine Einflüsterung
des Satans, was übrigens von allen angeblichen Offenbarungen der Schwärmer
gilt. Sind sie aber gar vorsätzlich erlogen, wie bei vielen Sektengründern, so
ist das ja auch satanisch. Bei
dem, was der Apostel mit “Wort” bezeichnet, denken die meisten
Schriftausleger an etwas, das Paulus selbst gesagt haben sollte. Die Schwärmer
wären mit der Behauptung aufgetreten, der Apostel selbst habe den Jüngsten Tag
als unmittelbar bevorstehend vorausgesagt. Man denkt da entweder an etwas, was
er gesagt haben sollte, als er selbst in Thessalonich war, oder an ein
angebliches Apostelwort, das von irgendwo her nach Thessalonich kommen könnte.
Das erstere halte ich für undenkbar. Die besonnenen, in der Erkenntnis festen
Gemeindeglieder in Thessalonich hätten eine solche Behauptung leicht widerlegen
können. Sie wussten doch auch genau, was der Apostel gesagt hatte. Das andere
ist schon eher möglich. Es könnte jemand mit der neuen Nachricht nach
Thessalonich kommen, Paulus habe nunmehr verkündet, dass der Tag Christi da
sei. Ich meine aber, dass mit “Wort” das Wort Gottes, die Heilige Schrift,
gemeint ist, die ja im Neuen Testament oft einfach “das Wort” genannt wird
ohne jeden weiteren Zusatz (z.B. Mt 13,21f; Mk 16,20; Lk 1,2; Apg 6,4; Jak
1,21f), auch von Paulus (z.B. Gal 6,6; Kol 4,3; 2Tim 4,2). Die Schwärmer könnten
sich für ihre Behauptungen auf ein Wort der Schrift, d.h. des Alten Testaments,
berufen. Vom Neuen Testament gab es zu der Zeit ja nur erst den Jakobusbrief,
den die Thessalonicher vielleicht noch nicht kannten, und den 1.
Thessalonicherbrief. Die Gemeinden hatten also nur das Alte Testament und die
Verkündigung der Apostel, die sich auf das Alte Testament gründete. Nun haben
die Schwärmer zu allen Zeiten gern die Heilige Schrift missbraucht, besonders
deren etwas dunklere Stellen, um ihre Behauptungen zu stützen. Das könnte auch
in Thessalonich geschehen sein. Als
drittes, was die Schwärmer vorbringen könnten zum Beweis für die Richtigkeit
ihrer Behauptungen, nennt Paulus “Briefe, als von uns gesandt”. Dabei denken
manche Schriftausleger an den 1. Thessalonicherbrief (im Griechischen steht der
Singular ohne Artikel: ein Brief), den die Schwärmer missdeutet hätten.
Dagegen spricht aber zweierlei. Zum einen hätten sich die besonnenen,
erkenntnisreichen Gemeindeglieder gegen die Missdeutung gewehrt und wären kaum
ins Wanken geraten. Zum andern lässt das die griechische Ausdrucksweise nicht
zu. Das “als von uns gesandt” lässt sich verdeutlichend umschreiben mit
“durch einen angeblich von uns gesandten Brief”3.
Der Apostel denkt also an die Möglichkeit, dass man unter seinem Namen einen
Brief fälschen könnte, der die Behauptungen der Schwärmer enthält. Um
solchen Fälschungen vorzubeugen, hat Paulus dem 2. Thessalonicherbrief - und
auch allen seinen anderen Briefen - einen eigenhändigen Schluss angefügt
(2Thess 3,17f). Die Briefe wurden normalerweise diktiert. So
warnt der Apostel die Christen in Thessalonich, dass sie sich von niemand und
auf keine Weise verführen, täuschen, betrügen lassen sollen im Blick auf die
Wiederkunft Christi. Ehe der Herr kommt, muss erst noch anderes geschehen. 2.3. Das Wesen des Antichrist
(V. 3b-5)
(3b)
Denn er kommt nicht, es sei denn, dass zuvor der Abfall komme und
geoffenbaret werde der Mensch der Sünde und das Kind des Verderbens. Paulus
bedient sich hier einer verkürzten Redeweise, die wir im Deutschen nicht
nachmachen können. Im Griechischen fehlen die ersten Worte des Satzes, die sich
der Leser hinzudenken muss: Der Tag Christi kommt nicht, oder es ist noch nicht
so weit, wenn nicht vorher gekommen ist der Abfall usw. Ehe
der Jüngste Tag kommt, wird es in der Kirche Christi einen großen Abfall
geben. Luther bemerkt dazu in einer an den Rand seiner Bibelausgaben gedruckten
Glosse: “Der Abfall ist, dass man vom Glauben auf Menschenlehre tritt, wie
auch 1Tim 4 stehet.” Luther meint 1Tim 4,1-3, wo Paulus schreibt: “Der
Geist aber sagt deutlich, dass in den letzten Zeiten werden etliche von dem
Glauben abtreten und anhangen den verführerischen Geistern und Lehren der
Teufel durch die, so in Gleisnerei Lügenredner sind und Brandmal in ihrem
Gewissen haben und verbieten, ehelich zu werden und zu meiden die Speisen, die
Gott geschaffen hat, zu nehmen mit Danksagung den Gläubigen und denen, die die
Wahrheit erkennen.” Nun
kommt jeder Abfall vom Glauben dadurch zustande, dass die Wahrheit Gottes durch
Menschenlehre ersetzt oder wenigstens damit durchsetzt wird. Hier wird aber ein
Abfall besonderen Ausmaßes angekündigt, wie wir noch sehen werden, weil sein
Verursacher, der Gegenchristus, in besonders infamer Weise der Wahrheit Gottes
entgegentritt. Der große Abfall wird geschehen, wenn der Antichrist offenbar
geworden, aus seiner Verborgenheit hervorgetreten ist. Paulus nennt ihn
“Mensch der Sünde” und “Kind (Sohn) des Verderbens”. Eine kleine Anzahl
griechischer Handschriften versucht die erste Benennung zu verdeutlichen, indem
sie für “Sünde” ein Wort setzt, das “Gesetzlosigkeit, Nichtachtung der
Gesetze” bedeutet. Der Antichrist missachtet alles, was Gott gesetzt hat, so
dass er der Mensch der Sünde ist. “Welcher für sich selbst allen Sünden
ergeben ist und mit seiner Lehre die Menschen sündigen macht”, sagt die
Weimarer Bibel4. Ein anderer Ausleger5
erklärt den Begriff “Mensch der Sünde” so: “Der Sünder im Vollmaß ist,
das Widerspiel zu Christo, welcher uns zur Gerechtigkeit gemacht ist.” Die
zweite Benennung, die Paulus dem Verursacher des großen Abfalls gibt, ist
“Kind (Sohn) des Verderbens (oder des Untergangs)”. Das griechische Wort,
das “Verderben, Untergang” bedeutet, wird im Neuen Testament gebraucht “vom
Zustand nach dem Tode, in welchem der Ausschluss vom Heil eine abgeschlossene
Tatsache ist, indem der Mensch… verdorben, zu Grunde gegangen ist”6.
Der Begriff “Sohn des Verderbens” kommt im griechischen Neuen Testament noch
einmal Joh 17,12 vor. Da bezeichnet Jesus den Verräter Judas so in dem Sinne,
dass er “nicht der zum Verderben Bestimmte, sondern der dem Verderben
Anheimgefallene” ist7. Luther übersetzt
dort “das verlorne Kind”. Im Zusammenhang mit dem Antichrist erscheint der
Begriff “Verderben, Untergang” noch einmal Offb 17,8 und 11 (Luther übersetzt
es da mit “Verdammnis”): “Das Tier, das du gesehen hast, ist gewesen
und ist nicht und wird wiederkommen aus dem Abgrund und wird fahren in die
Verdammnis… Und das Tier, das gewesen ist und nicht ist, das ist der achte und
ist von den sieben und fährt in die Verdammnis.” Wir
wollen darauf verzichten, diese Aussagen im einzelnen zu betrachten. Es ist für
uns nur wichtig, dass hier vom Antichrist gesagt ist, dass er dem Verderben, dem
Untergang anheimfällt. Wenn Paulus den Gegenchristus “Kind des Verderbens”
nennt, heißt das, dass er “vor andern für die Verdammnis reif und
bestimmt ist” (Zitat aus: Anm. 5). Der Begriff “Kind des Verderbens”
zielt aber auch auf das verderbliche Wirken des Antichrists. Die Weimarer Bibel
sagt dazu: “Welcher sich und andere durch falsche Lehre und gottloses Leben
in Verdammnis stürzet.” Der
Apostel setzt die Beschreibung des Wesens des Antichrist fort (V. 4): “Der
da ist ein Widerwärtiger und sich überhebt über alles, das Gott oder
Gottesdienst heißt, also, dass er sich setzet in den Tempel Gottes, als ein
Gott, und gibt vor, er sei Gott.” Der
erste Teil dieses Satzes bezieht sich deutlich auf Dan 11,36, wo die Weissagung
über Antiochus hinausweist auf den Antichrist: “Und der König wird tun,
was er will, und wird sich erheben und aufwerfen wider alles, das Gott ist; und
wider den Gott aller Götter wird er gräulich reden.” Der
Begriff “Widerwärtiger” bezeichnet dasselbe, was auch mit “Widerchrist,
Gegenchristus” gemeint ist. Das griechische Verb, dessen Partizip hier steht,
bedeutet “entgegensein, widersprechen”. Der Antichrist ist der Widerwärtige,
der Widersacher, indem er vorsätzlich gegen Gott und den Herrn Christus steht
mit Gesinnung, Wort und Tat. Das zeigt sich daran, dass er sich überhebt über
alles, das Gott oder Gottesdienst heißt. “Alles, das Gott heißt” kann sich
nicht auf die heidnischen Götter beziehen. Sie werden zwar in der Heiligen
Schrift auch Götter genannt, aber es wird immer klargestellt, dass sie nicht
existieren, sondern nur Gebilde menschlicher Phantasie sind. Sich über sie zu
erheben, ist nicht Sünde. Auch “alles, was Gottesdienst heißt” hat nichts
mit heidnischen Kulten zu tun, wenn auch Paulus den gleichen griechischen
Ausdruck in seiner Predigt in Athen für den dortigen Götterkult gebraucht. Götzendienst
ist schwere Sünde, sich darüber zu erheben, aber nicht. Was
aber wird in der Heiligen Schrift im guten Sinn “Gott” genannt? Zuerst natürlich
der lebendige, heilige, dreieinige Gott selbst; dann aber auch Menschen, die als
Obrigkeit in Gottes Namen und gleichsam an seiner Stelle wirksam sind. “Gott
stehet in der Gemeine Gottes und ist Richter unter den Göttern”, heißt
es Ps 82,1. Und im gleichen Psalm, V. 6, spricht Gott: “Ich habe wohl
gesagt, ihr seid Götter und allzumal Kinder des Höchsten.” 2Mose 22,28
befiehlt Gott: “Den Göttern sollst du nicht fluchen und den Obersten in
deinem Volk sollst du nicht lästern.” Dass es sich bei diesen “Göttern”
wirklich um Menschen handelt, zeigt 2Mose 21,6, wo Personen in richterlicher
Funktion so genannt werden. An allen diesen Stellen steht im Hebräischen das
gleiche Wort, das auch für Gott selbst gebraucht wird. Das
griechische Wort, das Luther mit “Gottesdienst” übersetzt, kommt in der
Heiligen Schrift nur hier und in der schon erwähnten Predigt des Paulus in
Athen (Apg 17,23) vor. In den Apokryphen erscheint es dreimal (Weish 14,20 und
15,17, sowie im Drachen zu Babel 26) im Zusammenhang mit dem Götzendienst. Das
griechische Verb, mit dem unser Wort zusammenhängt, “enthält die
Grundvorstellung ehrfürchtiger Scheu, staunender Verehrung… und wird hauptsächlich
von dem Verhalten der Menschen gegen die Götter gebraucht: sie ehrfurchtsvoll,
in heiliger Scheu verehren” 8. Im Neuen Testament findet sich dieses Verb zweimal in den
Evangelien und achtmal in der Apostelgeschichte. Mt 15,9 und Mk 7,7 straft der
Herr Christus die Schriftgelehrten und Pharisäer, weil sie ihre Aufsätze an
die Stelle der Gebote Gottes setzen, und hält ihnen ein Wort des Propheten
Jesaja vor (Jes 29,13): “Aber vergeblich dienen sie mir, dieweil sie lehren
solche Lehren, die nichts denn Menschengebot sind.” Hier ist also vom
Dienst des wahren Gottes die Rede, wenn es auch ein selbsterfundener ist.
Umgekehrt verklagen die Juden in Korinth den Apostel Paulus vor dem Landvogt
Gallio (Apg 18,13): “Dieser überredet die Leute, Gott zu dienen dem Gesetz
zuwider.” Nur einmal kommt das genannte Verb im Neuen Testament im
Zusammenhang mit Götzendienst vor, im Munde eines Heiden, des Goldschmieds
Demetrius von Ephesus, der in seiner Rede an die Zunftgenossen sagt (Apg 19,27):
“Auch der Tempel der großen Göttin Diana wird für nichts geachtet, und
wird dazu ihre Majestät untergehen, welcher doch ganz Asien und der Weltkreis
Gottesdienst erzeigt.” An den übrigen sechs Stellen der Apostelgeschichte
(13,43; 13,50; 16,14; 17,4; 17,17; 18,7) werden mit dem Partizip des Verbs
solche Heiden bezeichnet, die an den wahren Gott glaubten, ohne sich ganz dem
Judentum anzuschließen. Luther übersetzt “gottesfürchtig”, einmal (Apg
13,50) “andächtig”. Aus allem Angeführten folgt, dass das Substantiv, das
Luther mit “Gottesdienst” übersetzt, alles umfasst, was mit der Verehrung
Gottes zusammenhängt. Der
Gegenchristus überhebt sich über alles, was Gott genannt wird, d.h. über den
lebendigen Gott und alle Menschen, die er eingesetzt hat, in seinem Namen und
Auftrag zu wirken. Der Gegenchristus erhebt sich über alles, was Gottesdienst
genannt wird, d.h. über alles, was mit der Verehrung Gottes zusammenhängt. Das
geschieht nun in einer im höchsten Grade gotteslästerlichen Weise, indem er
sich in den Tempel Gottes setzt wie ein Gott und vorgibt, er sei Gott. Es ist
das die Folge aus dem Vorhergesagten. Er ist der Widerwärtige und erhebt sich
über alles, was Gott oder Gottesdienst heißt, also dass oder daher oder so
dass er sich setzt, oder um sich zu setzen in den Tempel Gottes. Bei dem Tempel
Gottes denkt man zuerst an den Tempel in Jerusalem, der ja noch stand, als
Paulus diesen Brief schrieb. Aber der Herr Christus hatte ja die Zerstörung des
Tempels längst vorhergesagt, und mit seinem Opfertod hatte das Opferwesen im
Tempel, das ja nur Vorbild des wahren, gültigen Opfers Christi gewesen war,
seine Bedeutung verloren. Im
Neuen Testament wird auch und vor allem etwas anderes Tempel Gottes genannt, nämlich
die Christen und die Gemeinde Christi. Dass die Christen der Tempel Gottes sind,
lesen wir 1Kor 3,16-17: “Wisset ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und
der Geist Gottes in euch wohnet? So jemand den Tempel Gottes verderbet, den wird
Gott verderben; denn der Tempel Gottes ist heilig, der seid ihr.” 1Kor
6,19 schreibt Paulus: “Wisset ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des
Heiligen Geistes ist, der in euch ist, welchen ihr habt von Gott, und seid nicht
euer selbst?” 2Kor 6,16 heißt es: “Was hat der Tempel Gottes
für eine Gleiche mit den Götzen? Ihr aber seid der Tempel des lebendigen
Gottes; wie denn Gott spricht: Ich will in ihnen wohnen und in ihnen wandeln und
will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein.” Kann dieses Gotteswort
schon auch für die Gemeinde als ganze angeführt werden, so ist das bei den
folgenden ganz eindeutig der Fall. Eph 2,21f steht geschrieben: “Auf
welchem (Jesus Christus) der ganze Bau ineinander gefüget, wächset
zu einem heiligen Tempel in dem Herrn, auf welchem auch ihr mit erbauet werdet
zu einer Behausung Gottes im Geist.” Und Offb 3,12 spricht der erhöhte
Herr: “Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel
meines Gottes.” Der Gegenchristus wird sich also in der Christenheit, in
der Kirche Christi niedersetzen. Was damit gemeint ist, sagt Luther in einer
Randglosse: “Das Sitzen ist das Regiment in der Christenheit des Widerchrists,
damit er macht, dass sein Gebot über Gottes Gebot und Dienst gehalten wird.”
Der Antichrist ist keine weltliche, politische oder heidnische Macht, wie viele
meinen, sondern er sitzt und herrscht in der Christenheit, in der Kirche. Das
betont auch die Weimarer Bibel in einer Anmerkung, die eine weit verbreitete
Meinung der damaligen Zeit aufgreift: “Es kann also dieser Antichrist nicht
das Haupt des türkischen Reichs sein, auf welches sich auch viel anders nicht
schicket.” Der Gegenchristus ergreift aber nun nicht einfach die Macht in der
Kirche Christi, sondern er tut das in einer bewusst widergöttlichen Weise. Er
setzt sich in den Tempel Gottes als ein Gott und gibt sich vor (d.h.: stellt
sich selbst hin, ernennt sich selbst, ruft sich selbst aus), dass er ein Gott
sei. Er setzt sich selbst über die Christenheit und an die Stelle Gottes.
Albrecht Bengel sagt hierzu: “Er sagt nicht, dass er selbst Gott, der Schöpfer
Himmels und der Erde, sei, aber dennoch, dass er ein Gott sei, größer
als jeder denkbare andere, der Gott genannt wird.” Daraus folgt, daß er
sich selbst Maß aller Dinge ist. Er misst sich solche Macht und Ehre zu, wie
sie allein Gott gebührt. Er meint, dass er über alle und alles zu gebieten
habe, über ihn aber niemand. Er maßt sich an, alle Ordnungen Gottes nach
Belieben zu ändern oder umzustoßen, anstelle des heiligen Willens Gottes
seinen eigenen zu setzen. Das
alles war für die Christen in Thessalonich nichts Neues. Der Apostel brachte
ihnen nur in Erinnerung, was sie eigentlich schon wussten (V. 5): “Gedenket
ihr nicht daran, dass ich euch solches sagte, da ich noch bei euch war?” 2.4. Das Erscheinen des
Antichrist (V. 6-8)
Der
Apostel hatte die Thessalonicher nicht nur über das Wesen des Antichrist
unterrichtet, sondern auch über sein Erscheinen: (6)
Und was es noch aufhält, wisset ihr, dass er geoffenbaret werde zu seiner Zeit.
(7) Denn es reget sich schon bereits die Bosheit heimlich, ohne dass, der es
jetzt aufhält, muss hinweg getan werden. (8) Und alsdann wird der
Boshaftige geoffenbaret werden, welchen der Herr umbringen wird mit dem Geist
seines Mundes, und wird seiner ein Ende machen durch die Erscheinung seiner
Zukunft. Die
Christen in Thessalonich wussten durch die mündliche Unterweisung des Apostels
wahrscheinlich genauer, als wir es diesen Schriftworten entnehmen können, was
oder wer das Kommen des Antichrist hinderte. Wir erfahren nur, dass da etwas
bzw. einer ist, das bzw. der sein Erscheinen aufhält. Der Boshafte ist zwar
noch nicht da, aber die Bosheit, die ihm in besonderer Weise eigen ist, erweist
sich schon heimlich, als Geheimnis, wirksam. Das heißt nicht, dass man die
Bosheit nicht erkennen konnte, sondern, dass nur noch nicht immer deutlich war,
dass in ihr antichristisches Wesen sichtbar wurde. Das griechische Wort, das
Luther hier mit “Bosheit” übersetzt, bedeutet erst einmal
“Gesetzlosigkeit, Nichtachtung der Gesetze”. Als Gesetz bezeichnet die
Heilige Schrift aber nicht nur das Gesetz im engeren Sinn, die Gebote, sondern
sehr oft auch überhaupt alles, was Gott gesetzt hat, seinen ganzen
heiligen Willen, wie er ihn uns in der Heiligen Schrift kundtut. Die
“Gesetzlosigkeit” bezeichnet in der Heiligen Schrift also die Nichtachtung
dessen, was Gott gesetzt hat. Die antichristische Bosheit regte sich in
apostolischer Zeit schon, indem Irrlehrer auftraten, die Gottes heiligen Willen
nicht achteten, besonders seinen Gnadenwillen verfälschten. Zur Zeit des
Apostels Paulus waren es hauptsächlich die sogenannten Judaisten, die den zum
Glauben gekommenen Heiden das jüdische Zeremonialgesetz aufzwingen wollten. Zur
Zeit des Apostels Johannes waren es, wie wir schon hörten, vor allem die
Gnostiker, die leugneten, dass Jesus der Christus ist, und von denen manche
lehrten, dass für einen Gläubigen nichts Sünde sei, dass man also tun und
lassen könne, wozu man Lust hat. Noch
wurde das Erscheinen des Antichrist aufgehalten, aber er wird kommen zu seiner, “d.h.
der für ihn bestimmten und durch sein eigenes Verhalten bedingten Zeit”
(Zitat nach Anm. 5). Damit
aus der Zeit der Bosheit die Zeit des Boshaftigen wird, muss hinweggetan werden,
der es jetzt aufhält. Hieß es im Vers 6 “das Aufhaltende”, so wird im Vers
8 genauer “der Aufhaltende” gesagt. Es handelt sich also nicht um irgendein
sachliches, durch bestimmte Umstände bedingtes Hindernis, sondern entweder um
eine Person oder eine durch Personen repräsentierte Macht, die das Kommen des
Antichrist aufhält. Dieser Aufhaltende muss hinweggetan, fortgeschafft, aus dem
Weg geschafft, ganz wörtlich “aus der Mitte getan” werden. Wenn er
beseitigt ist, wird der Boshaftige offenbart werden. Wie “Bosheit” und
“der Boshaftige” im Deutschen verwandt sind, so auch die entsprechenden Wörter
im Griechischen. Bengel sagt zu dem griechischen Begriff9:
“Das ist die letzte Benennung und die härteste, die die Bedeutung der
vorhergehenden zusammenfasst: jener Feindselige, Ruchlose, an kein Gesetz
Gebundene, Gesetzlose: der Gottlose.” Die Weimarer Bibel sagt in einer
Anmerkung hierzu: “Der von allen Gesetzen (ob er gleich allen und jeden
solche als der Statthalter Christi vorschreibt) frei sein will.” Dieser
Boshaftige wird offenbart werden, aus der Verborgenheit hervorkommen und für
jedermann sichtbar werden. Das heißt aber nicht, dass ihn jedermann als den
Gegenchristus, den Erzfeind Gottes und Christi erkennen wird, wie wir noch sehen
werden. Zum
Trost der Christen kann Paulus aber auch gleich von seinem Ende reden. Das wird
in zwei Stufen erfolgen. Zuerst wird ihn der Herr umbringen mit dem Geist seines
Mundes, dann wird er durch seine Wiederkunft sein Ende herbeiführen. Hinter der
ersten Formulierung steht ein Wort aus dem Propheten Jesaja (11,4), wo von
Christus gesagt ist : “Er wird mit dem Stabe seines Mundes die Erde
schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten.” Für
“Odem” und “Geist” steht im Hebräischen das gleiche Wort. An dem
Gegenchristus wird sich diese Weissagung erfüllen. Der Herr, der Herr Jesus,
wie einige griechische Handschriften verdeutlichend sagen, wird ihn umbringen.
Das griechische Wort, das Luther mit “umbringen” übersetzt, bedeutet auch
“verzehren (z.B. durch Feuer), aufreiben, beseitigen, vernichten, vertilgen, töten”.
Zuerst wird der Herr Christus den Antichrist umbringen, aufreiben, aufzehren
durch den Geist seines Mundes, durch sein Wort. Die Weimarer Bibel sagt dazu: “Durch
die Predigt des Evangelii, bei welcher und durch welche der Geist Christi in den
Herzen der Menschen kräftig wirket.” Ehe sein endgültiges Ende kommt,
wird seine Macht gebrochen werden dadurch, dass die reine Verkündigung des
Wortes Gottes ihn entlarvt und viele Christen seinem Einflussbereich entreißt.
Ganz und gar beseitigen, vollständig vernichten wird der Herr Christus ihn aber
erst am Jüngsten Tag, wenn er bei seiner Wiederkunft erscheinen wird. 2.5. Das Wirken des Antichrist
und seine Auswirkungen (V. 9-12)
Wie
aber ist es möglich, dass dieser Erzfeind Christi sich einen großen Anhang
sammeln kann? Paulus antwortet: (9)
Welches Zukunft geschiehet nach der Wirkung des Satans mit allerlei lügenhaftigen
Kräften und Zeichen und Wundern (10) und mit allerlei Verführung
zur Ungerechtigkeit unter denen, die verloren werden, dafür, dass sie die Liebe
zur Wahrheit nicht haben angenommen, dass sie selig würden. Der
Antichrist wird nicht geradeheraus sagen, dass er der Gegenchristus ist, sondern
nur, dass er an Gottes Stelle stehe, dass er Gottes Stellvertreter und Christi
Statthalter sei. Nur so kann er sich doch ungehindert in den Tempel Gottes
setzen. Das ist das erste, woran deutlich wird, dass seine Ankunft und Gegenwart
nach der Wirkung des Satans geschieht. Der Herr Christus sagt (Joh 8,44) vom
Teufel: “Die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er die Lügen redet, so redet
er von seinem Eigenen; denn er ist ein Lügner und ein Vater derselbigen.”
So prägt auch die Lüge das ganze Wirken des Antichrists. Wirkung, Kraft,
Energie (das Wort, das hier im Griechischen steht) des Satans ist es, was den
Antichrist zu seinem Tun befähigt. Er beeindruckt die Menschen durch Kräfte,
Zeichen und Wunder. “Kräfte” sind Erweisungen oder Taten der Kraft, Stärke,
Macht. “Zeichen” werden die Wundertaten Jesu genannt, weil sie Hinweis
darauf sind, dass er der Sohn und Christus Gottes ist. Die Zeichen, die der
Gegenchristus tut, sollen sein wahres Wesen verschleiern und bei den Menschen
den Eindruck erwecken, dass er von Gott gesetzt ist. Das wird er auch durch
“Wunder”, übernatürliche Wirkungen, tun. Aber alle diese Kräfte, Zeichen
und Wunder sind lügenhaft. Das heißt nicht, dass sie nicht wirklich geschehen,
sondern, dass sie satanisch sind und im Dienst der Lüge stehen. “Wie zu
Gott Christus sich verhält, so verhält sich im Gegensatz dazu zum Satan der
Antichrist, in der Mitte zwischen dem Satan und den verlorenen Menschen”,
sagt Bengel10. Es ist das Streben des
Gegenchristus, dem Willen des Teufels entsprechend Menschen von Christus weg in
die Verdammnis zu führen. Neben den lügenhaftigen Kräften, Zeichen und
Wundern benutzt er dazu allerlei Verführung zur Ungerechtigkeit. Es ist Verführung,
Betörung durch wohlklingende, aber lügenhafte Worte, durch Irrlehre. Das
besonders satanische daran ist, das der Antichrist sie als göttliche Wahrheit
verkündet, weil er doch an Gottes Stelle steht. So verführt er zur
Ungerechtigkeit. Die Bedeutung des griechischen Wortes, das Luther treffend mit
“Ungerechtigkeit” übersetzt, kann verdeutlichend umschrieben werden: “Was
das Urteil Gottes wider sich hat”11.
Ungerechtigkeit ist alles, was dem heiligen Willen Gottes entgegensteht. Das
Hauptwerk des Gegenchristus ist, die Menschen, die von Natur Sünder und damit
Ungerechte sind, durch seine Irrlehre vom Heilsweg wegzuführen auf den Weg der
Ungerechtigkeit. Das gelingt ihm unter den Verlorenen. Das sind nicht etwa
Menschen, die Gott für die Verdammnis vorherbestimmt hat, sondern sie haben die
Liebe zur Wahrheit nicht angenommen, dass sie selig würden. Die Wahrheit ist
das, was Gott in der Heiligen Schrift kundgetan hat, insbesondere die Botschaft
des Evangeliums. Um des Heilstuns Christi willen sollen Menschen gerecht und
selig werden allein aus Gnade, ohne dass sie etwas dazutun müssen und können,
allein dadurch, dass sie es im Glauben für sich in Anspruch nehmen. Für diese
Wahrheit sollen die Menschen in Liebe ihr Herz auftun. Ist es doch das gute Wort
Gottes, das seine unendliche Liebe zu den Menschen offenbart, den Heiland vor
Augen stellt und den einzigen Weg zum Heil und Leben weist. Aber viele lieben
die Wahrheit des Wortes Gottes nicht. Das hat traurige Folgen: (11) Darum
wird ihnen Gott kräftige Irrtümer senden, dass sie glauben der Lüge, (12)
auf dass gerichtet werden alle, die der Wahrheit nicht glauben, sondern haben
Lust an der Ungerechtigkeit. Weil
sie sich von der Wahrheit Gottes abgewandt haben, sind sie offen für die Verführung
und Betörung durch den Antichrist, dem sie Gott nun auch überlässt, der
Neigung ihres Herzens entsprechend. Er wird ihnen durch den Gegenchristus kräftige
Irrtümer senden, wörtlich übersetzt “Kraft, Energie des Irrtums, der Täuschung”.
Wer sich von der Wahrheit wendet, verfällt dem Irrtum. Das ist selbstverständlich.
Wer sich von der Wahrheit Gottes hinwendet zum Antichrist, der fällt in einen
ganz besonders schweren, kräftigen Irrtum, fällt einer ganz besonders
schlimmen Täuschung anheim. Er wird völlig blind für die Wahrheit Gottes und
hält die Lüge des Gegenchristus für die Wahrheit, ja sogar für die göttliche
Wahrheit, weil der ja vorgibt, an Gottes Stelle zu sein. Das ist Gottes Verhängnis
über die, welche die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, auf dass
gerichtet werden alle, die der Wahrheit nicht glauben, sondern haben Lust an der
Ungerechtigkeit. Der Wahrheit wird die Ungerechtigkeit gegenübergestellt. Wer
der Wahrheit Gottes nicht glaubt, sich von ihr abwendet, beweist damit, dass er
Lust, Gefallen hat an der Ungerechtigkeit. Ungerechtigkeit ist alles, was dem
heiligen Willen Gottes entgegensteht und das Urteil Gottes wider sich hat. So
ist es folgerichtig, dass alle, die sich von der Wahrheit Gottes zur
Ungerechtigkeit gewandt haben, unter das Urteil Gottes fallen. Das gilt auch für
alle, die dem Antichrist verfallen sind. Es gibt nur zwei Möglichkeiten,
entweder durch den Glauben an die Wahrheit des Evangeliums selig zu werden, oder
wegen des Abfalls von der Wahrheit zur Ungerechtigkeit verdammt zu werden. So
viel zur Erläuterung dessen, was Paulus in seiner Weissagung vom Antichrist
schreibt. Wir wollen uns nun noch kurz der Erfüllung dieser Weissagung
zuwenden. 3. Die Erfüllung der
Weissagung vom Antichrist
Von
Anfang an hat man sich in der Kirche Gedanken gemacht über die Erfüllung der
Weissagung vom Antichrist. Spekulationen der Alten Kirche konnten das Richtige
nicht treffen, weil die Erfüllung noch nicht eingetreten war. Nur in einem
hatte man Recht, dass ein Zusammenhang bestünde zwischen Rom und dem
Antichrist. In der Offenbarung des Johannes weisen Aussagen über den Erzfeind
Christi und seiner Kirche auf Rom (z.B. Offb 17,9). Im Mittelalter wurden dann
immer häufiger Stimmen laut, die im Papsttum den Antichrist sahen. Klarheit
brachte auch hier die Reformation. Luther erkannte hauptsächlich auf Grund der
Weissagung des Paulus, die er auch immer wieder anführt, dass niemand anders
als der Papst der Antichrist sein könne. In ihm haben sich die Aussagen dieser
Weissagung in allen Punkten verwirklicht. Luther hat durch drei Jahrzehnte
hindurch sehr viel zum Thema Papsttum geschrieben. Ich will nur zwei Sätze anführen,
die Bekenntnis der Kirche geworden sind. Nachdem er länger über die angemaßte
Gewalt des Papstes gesprochen hat, fährt er fort: “Dies Stück zeigt
gewaltiglich, dass er der rechte Endechrist oder Widerchrist sei, der sich über
und wider Christum gesetzt und erhöhet hat, weil er will die Christen nicht
lassen selig sein ohne seine Gewalt, welche doch nichts ist, von Gott nicht
geordnet noch geboten. Das heißt eigentlich über Gott und wider Gott sich
setzen, wie St. Paulus sagt 2Thess 2” (Schmalk. Art. 2. Teil, 4. Art.).
Ebenfalls in unserem Bekenntnis steht, was Melanchthon in dem Traktat “Von
der Gewalt und Oberkeit des Papsts” (Pkt. XI §39) schreibt: “Nun ist es je
am Tage, dass die Päpste samt ihrem Anhang gottlose Lehre und falsche
Gottesdienste erhalten wollen und handhaben. So reimen sich auch alle
Untugenden, so in der Heiligen Schrift vom Antichrist sind geweissagt, mit des
Papstes Reich und seinen Gliedern. Denn Paulus, da er den Antichrist malet
2Thess 2, nennet er ihn einen Widersacher Christi, der sich über alles erhebe,
das Gott oder Gottesdienst heißet, also, dass er sich setzt in den Tempel
Gottes als ein Gott, und gibt vor, er sei ein Gott etc. Hier redet Paulus von
einem, der in der Kirche regiert, und nicht von weltlichen Königen, und nennet
ihn einen Widerwärtigen Christi, weil er eine andere Lehre werde erdenken, und
dass er sich solches alles werde anmaßen, als täte er es aus göttlichen
Rechten.” In
den Jahrhunderten nach der Reformation ist sehr viel geschrieben worden, um
diese Erkenntnisse der Reformatoren weiter auszuführen und durch Beispiele zu
beweisen. Ich will nur weniges anführen, das uns zeigen kann, wie sich im
Papsttum die Weissagung erfüllt hat und dass nach wie vor das antichristische
Wesen im Papsttum erkennbar ist. Paulus
sagt (V. 7), “dass, der es jetzt aufhält, muss hinweggetan werden”.
Der Aufhaltende war das römische Kaisertum. Als das weströmische Reich in der
2. Hälfte des 5. Jahrhunderts unterging, erhob der römische Antichrist
ungehindert sein Haupt. Die Päpste fühlten sich als Herren Roms und als
Statthalter Christi auf Erden. Die Herrschaft über das weströmische
Kaiserreich bestätigten sie sich später selbst durch eine Fälschung, die sog.
Konstantinische Schenkung, in der der Kaiser Konstantin den Päpsten für
Westrom kaiserliche Macht, Würde, Ehren und Insignien verliehen habe. Kraft
dieses Herrschaftsanspruches haben die Päpste dann die deutschen Könige zu römischen
Kaisern gekrönt. Heute gibt man auch in Rom zu, dass die Donatio Constantini
eine Fälschung ist, aber die daraus abgeleiteten Ansprüche hat man nicht
aufgegeben. Vor allem aber will der Papst als Statthalter Christi das alleinige
Oberhaupt der Kirche sein, wie Paulus sagt (V. 4): “Also, dass er sich
setzet in den Tempel Gottes als ein Gott und gibt sich vor, er sei Gott.” Diese
Haltung kommt deutlich zum Ausdruck in dem “Dictatus Papae” des Papstes
Gregor VII. aus dem 11. Jahrhundert. Ich will einige dieser päpstlichen Leitsätze
anführen: “2. Nur der römische Bischof wird rechtmäßig der allgemeine
genannt. 3. Er allein kann Bischöfe absetzen oder wiedereinsetzen. 8. Er allein
kann kaiserliche Abzeichen tragen. 9. Nur des Papstes Füße haben alle Fürsten
zu küssen. 10. Nur sein Name wird in den Kirchen genannt. 11. Dieser Name ist
einzig in der Welt. 12. Er darf Kaiser absetzen. 17. Kein Rechtssatz oder Buch
darf ohne seine Genehmigung als kanonisch angesehen werden. 18. Sein Spruch darf
von niemand verworfen werden, er allein kann den aller verwerfen. 19. Er selbst
darf von niemand gerichtet werden. 22. Die römische Kirche hat niemals geirrt
und wird auch künftig nach dem Zeugnis der Schrift niemals irren. 23. Der römische
Bischof wird, wenn kanonisch eingesetzt, durch die Verdienste des seligen Petrus
unzweifelhaft heilig. 27. Er kann Untergeordnete von der Treueverpflichtung
gegen Ungerechte lösen”12. Ihren
Gipfelpunkt fand diese gotteslästerliche Anmaßung im Jahre 1870, als Papst
Pius IX. das Dogma verkünden ließ: “Wir lehren und erklären für ein göttlich
offenbartes Dogma, dass der römische Papst, wenn er vom Katheder aus spricht,
d.h. wenn er als Hirte und Lehrer aller Christen fungiert und gemäß seiner höchsten
apostolischen Autorität eine Lehre über Glaube oder Sitten als von der ganzen
Kirche zu haltende aufstellt durch den göttlichen Beistand, welcher ihm in
Petrus versprochen ist, mit der Unfehlbarkeit ausgestattet ist, mit welcher der
göttliche Erlöser seine Kirche bei Feststellung einer Lehre über Glauben oder
Sitten hat ausgerüstet sehen wollen. Deshalb sind derartige Feststellungen des
römischen Papstes von sich aus, nicht aber aus Übereinstimmung der Kirche,
unveränderlich. So aber jemand dieser unserer Feststellung zu widersprechen
unternehmen sollte, was Gott verhüten möge, der sei verflucht”13.
Der Papst setzt sich an Gottes Stelle und “überhebt sich über alles, das
Gott oder Gottesdienst heißt” (V. 4). Wie er sich über alles, was Gott
heißt, also auch über die Obrigkeiten, erhebt, sehen wir schon in den Ausführungen
Papst Gregors VII. Grundsätzlich hat sich daran bis heute nichts geändert. Er
ist immer noch der erste Mann in der Welt, vor dem die Mächtigen sich beugen,
aber er selbst ist keiner irdischen Obrigkeit untertan. Das Schlimmste an seinem
Wirken ist aber, dass er sich über alles, was Gottesdienst heißt, überhebt,
d.h. dass er Gottes Ordnungen nach Belieben ändert. Hier wird besonders
deutlich, dass er der Gegenchristus ist, weil er aus dem, was Gott geordnet hat,
das unheilvolle Gegenteil macht. Das geschieht vor allem mit Gottes
Heilsordnung. Das Konzil von Trient hat im Jahr 1547 verkündet: “Wenn
jemand sagt, dass der Gottlose allein durch den Glauben gerechtfertigt werde,
und das so versteht, dass nichts anderes erforderlich sei, was beim Erlangen der
Gnade der Rechtfertigung mitwirke, und dass es keineswegs nötig sei, dass er
durch eine Bewegung seines Willens vorbereitet oder befähigt werde, sei
verflucht. Wenn jemand sagt, dass der Mensch gerechtfertigt werde entweder durch
die alleinige Zurechnung der Gerechtigkeit Christi oder durch die alleinige
Vergebung der Sünden, die Gnade und Liebe ausgeschlossen, die in ihren Herzen
durch den Heiligen Geist ausgegossen wird und jenen anhaftet; oder auch, dass
die Gnade, durch die wir gerechtfertigt werden, nur die Gunst Gottes sei, sei
verflucht”14. Damit wird der
Apostel Paulus, ja der Heilige Geist selbst, der durch den Apostel geredet hat,
verflucht, weil er schreibt (Röm 3,28): “So halten wir es nun, dass der
Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.” In
unseren Tagen sind Theologen, die sich Lutheraner nennen, die aber wohl zu denen
gehören, die “die Liebe zur Wahrheit nicht haben angenommen” (V.
10), mit römischen Theologen am Werk, eine Kompromissformel zu finden, die die
biblische Rechtfertigungslehre mit der päpstlichen unter einen Hut bringen
soll. Es sieht so aus, als bliebe dabei die biblische zugunsten der päpstlichen
auf der Strecke. “Darum wird ihnen Gott kräftige Irrtümer schenken, dass
sie glauben der Lüge”, sagt Paulus (V. 11). Eine
andere Verkehrung der Ordnung Gottes findet sich im Papsttum beim Sakrament des
Altars. Nach der Heiligen Schrift ist es ein Gnadenmittel, durch das uns der
Herr Christus Vergebung der Sünden schenkt, also eine Gabe Gottes an uns. Der
Papst aber hat es zu einer Gabe an Gott gemacht, zu einem Opfer, das Gott
dargebracht wird für Lebende und Tote, gegen das Wort aus dem Hebräerbrief
(9,12): “Er ist durch sein eigen Blut einmal in das Heilige
eingegangen und hat eine ewige Erlösung erfunden.” Das Konzil von
Trient verflucht ausdrücklich diejenigen, die bestreiten, dass in der Messe ein
wirkliches Opfer dargebracht werde und dass das für Lebende und Tote geschehen
könne15. Als der Herr Christus das
heilige Abendmahl einsetzte und den Kelch reichte, sagte er ausdrücklich: “Trinket
alle daraus” (Mt 26,27; vgl. Mk 14,23). Der Papst aber entzieht
seinen Anhängern den Kelch mit fadenscheinigen Begründungen. Schließlich wird
mit dem Abendmahlsbrot Götzendienst getrieben. Da das Brot angeblich in den
Leib Christi verwandelt wird, stellt man es in Kirchen und Prozessionen zur
Anbetung hin. Damit
sind wir bei einem weiteren Punkt antichristlicher Verkehrung einer guten Gabe
Gottes, des Gebets. Wir dürfen als Kinder Gottes im Namen Christi mit Gott
reden und ihn bitten, wie die lieben Kinder ihren lieben Vater. Aber der Papst
weist seine Anhänger an Maria und die Heiligen als die rechten Nothelfer. Damit
lenkt er das Gebet ins Leere, denn “Abraham weiß von uns nicht und Israel
kennet uns nicht” (Jes 63,16), und daß die Heiligen anzurufen sind, sagt
die Schrift an keiner Stelle. Von manchen Heiligen der römischen Kirche ist
nicht einmal sicher, ob sie überhaupt existiert haben. Zum Missbrauch des
Namens Gottes aber wird das Gebet, wenn es - wie beim Rosenkranz - zu einem
pflichtmäßigen Wiederholen immer der gleichen Formeln wird. “Wenn
ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie
werden erhöret, wenn sie viele Worte machen”, sagt Jesus (Mt 6,7). Das
Beten des Rosenkranzes hat aber nicht einmal hauptsächlich die Erhörung zum
Ziel, sondern ein Verdienst. Das führt uns zum nächsten Punkt päpstlichen
Antichristentums, dem Ablass. Es gibt keine Ablasshändler mehr, die auf den Märkten
predigen: “Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer
springt.” Aber die Lehre vom Fegefeuer gibt es noch und den Ablass auch, und
pflichtgemäß gesprochene Gebete sind ein empfohlenes Mittel, sich Ablass zu
erwerben. In einem römischen Messbuch, der “Agende” des römischen
Priesters, sind zur Vorbereitung auf die Messe eine Reihe Gebete empfohlen,
deren jedes einzelne mit Ablass verbunden ist. Der Priester kann sich auf diese
Weise vor der Messe insgesamt 28 Jahre und 70 Tage Ablass erwerben. Auch nach
der Messe bietet sich ihm eine solche Möglichkeit16. Schließlich
sei noch hingewiesen auf das, was Paulus Teufelslehre nennt (1Tim 4,3): “Verbieten,
ehelich zu werden und zu meiden die Speisen, die Gott geschaffen hat.” Wir
hören und lesen in unserer Zeit, dass zahlreiche römische Priester in
heimlicher, nicht legitimierter Ehe leben und Kinder haben, weil der Papst nach
wie vor die Priesterehe verbietet. Sie scheinen nicht zu erkennen, dass das eine
Teufelslehre ist, und nicht zu wissen, dass Paulus schreibt (1Tim 3,2), dass ein
Bischof sein soll “eines Weibes Mann” . Das Wort richtet sich
gegen die Mehrehe und zwingt den Pastor nicht zur Ehe, aber es sagt eben auch
nicht, dass er nicht verheiratet sein dürfe. Was das Meiden der Speisen
anbetrifft, so gelten im Papsttum nach wie vor Fastengebote, die bestimmte
Speisen verbieten. Paulus aber schreibt (Kol 2,16): “Lasset nun niemand
euch Gewissen machen über Speise oder über Trank oder über bestimmte
Feiertage oder Neumonde oder Sabbate.” Obwohl
an allem Angeführten deutlich ist, dass der Papst die heiligen Ordnungen Gottes
verkehrt und dass er der von Paulus geweissagte Antichrist ist, hat er doch
einen großen Anhang. Dazu helfen die “lügenhaftigen Kräfte und
Zeichen und Wunder” (V. 9). Einerseits vollbringt er erstaunliche
Machttaten, wenn er als Oberhaupt der Kirche auftritt und die Mächtigen dieser
Erde sich vor ihm beugen. Andererseits geschehen erstaunliche Wunder an
sogenannten Gnadenorten, die dann fast immer Maria oder irgendwelchen Heiligen
zugeschrieben werden. Schluss
Am
Schluss der Weissagung vom Antichrist sagt Paulus zu der Gemeinde in
Thessalonich (V. 13-14): “Wir aber sollen Gott danken allezeit um euch,
geliebte Brüder von dem Herrn, dass euch Gott erwählet hat von Anfang zur
Seligkeit in der Heiligung des Geistes und im Glauben der Wahrheit, darein er
euch berufen hat durch unser Evangelium zum herrlichen Eigentum unsers Herrn
Jesu Christi.” Gott gebe, dass das auch von uns gilt. Wir haben durch
Gottes Gnade bis heute in unserer Kirche die Wahrheit Gottes lauter und rein,
auch Klarheit über den Gegenchristus. Gott erhalte uns allezeit im rechten,
seligmachenden Glauben. So wollen wir auch die Mahnung zu Herzen nehmen, die der
Apostel noch anschließt (V. 15-17): “So stehet nun, liebe Brüder, und
haltet an den Satzungen, die ihr gelehret seid, es sei durch unser Wort oder
Epistel. Er aber, unser Herr Jesus Christus und Gott und unser Vater, der uns
hat geliebet und gegeben einen ewigen Trost und eine gute Hoffnung durch Gnade,
der ermahne eure Herzen und stärke euch in allerlei Lehre und gutem Werk.” Amen. Anmerkungen
Durchweg
benutzt wurde: Das Weimarische Bibelwerk. BIBLIA, das ist die ganze
Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments verdeutscht von Doctor Martin Luther,
auf Herzog Ernst’s Verordnung von etlichen reinen Theologen dem eigentlichen
Wortverstand nach erklärt etc. Nach der letzten Ausgabe von 1768 unverändert
abgedruckt. Zweite Auflage. St. Louis, Mo. und Leipzig 1880. Literatur-Hinweis: Einigungssätze
zwischen der Ev.-Luth. Kirche Altpreussens und der Ev.-Luth. Freikirche; Groß
Oesingen 1983 (These IV,3 zur Lehre vom Antichrist) Der Referent war bis zu seinem Ruhestand Dozent für Neues Testament am Lutherischen Theologischen Seminar der Evangelisch-Lutherischen Freikirche in Leipzig. |
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verantwortlich für die Internetseiten: Amt für Evangelisation und Öffentlichkeitsarbeit der Evangelisch-Lutherischen Freikirche P. Michael Herbst
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